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Thema: Die Geschichte der Schachfiguren

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    Die Geschichte der Schachfiguren

    Da Schach ein Brettspiel ist, zu dem die Spieler meistens einen sehr emotionalen Bezug haben, wird es Zeit, die Geschichte der Protagonisten des Schachspiels, d. h. der Schachfiguren, einmal näher kennenzulernen. Man findet dabei heraus, daß die Interpretationen zu den ursprünglichen Schachfiguren im Laufe der Zeit von Kulturkreis zu Kulturkreis differieren können.

    Die Aufstellung am Anfang der Partie war der indischen Schlachtordnung (Tschaturanga) entnommen. Sie symbolisierte das viergliedrige indische Heer mit Streitwagen, Kavallerie (Reiterei), Kriegselefanten und Fußsoldaten. Der König und die heutige Dame hatten besondere Bedeutungen für den Kampf.

    Beginnen wir mit dem Läufer. Vor den Regeländerungen zur frühen Neuzeit, war seine Zugmöglichkeit arg limitiert. Er konnte nur ins übernächste diagonale Feld springen. Er hieß Alfil oder Fil (lateinisch: alphinus) und symbolisierte in der indischen Schachgeschichte den Kriegselefanten. Wie man hier sieht, wurde er durch die zwei Stoßzähne des Elefanten dargestellt:



    Nach der Einführung des Schachs in Europa wurde der Alfil unterschiedlich interpretiert. Die Franzosen erkannten in den Stoßzähnen des Alfils eine Narrenkappe und nannten diesen Stein Fou (eine Abwandlung des Fils), also Narr. In Großbritannien erkannte man dagegen die Mitra des Bischofs und nannte ihn Bishop. In Italien wurde aus dem Alfil der Alfiere und damit der Fahnenträger. Im deutschsprachigen Raum dagegen orientierte man sich an den Kurier im mittelalterlichen Kurierschach, der bereits so zog wie der heutige Läufer. Und da Kurier aus dem Lateinischen kommt und von currere (laufen) abgeleitet ist, wurde der Name des Läufers übernommen.

    Die damalige Schwäche des andere Völker Furcht einflößenden Kriegselefanten mutet vielleicht etwas seltsam an. Jedoch muß man bedenken, daß die Inder den Umgang mit dem Elefanten gewöhnt waren und sehr oft Gelegenheit dazu hatten, den Elefanten im Kampf zu beobachten. Der „sanfte Riese“ war nicht allzu effizient. Vor allem konnte er von den gegnerischen Pfeilen leicht in die Flucht geschlagen werden, wo er eher im eigenen Lager Verwirrung anrichtete als beim Gegner.

    Der Springer hingegen gehört zu den Schachfiguren, die sich im Laufe der Schachgeschichte von ihren Zugmöglichkeiten her nie verändert haben. Da die Symbolisierung klar ist, gibt es hier auch keine abweichenden Interpretationsmöglichkeiten. Er war immer der Soldat auf dem Pferd und wurde im Mittelalter auch als Kriegsreiter auf dem Pferd dargestellt. Im Zuge der Vereinheitlichung der Schachfiguren nach Howard Staunton wurde der Reiter wegrationalisiert, und es ist nur noch das Pferd übriggeblieben, das allerdings zusammen mit dem Soldaten mitgedacht werden sollte, also als berittene Kampfeinheit. Seine ungewöhnliche Bewegung symbolisiert die enorme Beweglichkeit der Kavallerie und seine Fähigkeit für abrupte Überraschungsangriffe.

    Kulturhistorisch höchst interessant ist die Dame, die stärkste Figur auf dem Brett, die im Laufe der Schachgeschichte viele Veränderungen durchgemacht hat. Daß die Dame die stärkste Figur war, war nicht immer so, denn vor den erwähnten Regeländerungen war sie nur eine schwache Figur, die nur ein Feld diagonal ziehen konnte. In der indischen Schlachtordnung symbolisierte die heutige Dame den Mantrin, den Berater des Königs, der in der indischen Schlachtordnung eher den König beschützen sollte. Aufgrunddessen war die heute stärkste Figur auf dem Brett die damals schwächste Figur. Die Perser nannten diese Figur farzin und die Araber firz. Dies ist eine ethymologische Nähe zum französischen vierge (Jungfrau). Dadurch und durch die Nähe zum König, bürgerte sich später der Begriff der Dame oder Königin ein, wie sie im Englischen heute heißt (queen). Eine Königin sollte natürlich nicht die schwächste Figur darstellen. Dadurch und durch die in der frühen Moderne stärker gewordene Rolle der Frau, avancierte sie nach den erwähnten Regeländerungen zur stärksten.Figur. Jean d´Arc war wahrscheinlich das Vorbild für die heutige Dame.

    Der König dagegen war schon immer der König. Seine Bewegungen symbolisieren vortrefflich seine Bedeutung der indischen Schlachtordnung (Tschaturanga). Er gehörte der kriegerischen Kaste an und mußte im Feld kämpfen und töten. Am Anfang der Schlacht befand er sich meist in einem Wagen, um von dort die Schlacht zu verfolgen und zu dirigieren. Er mußte aufpassen, nicht getötet zu werden, denn das könnte für das eigene Heer verheerend sein. Daß er im Endspiel so stark wird, erklärt sich dadurch, daß er schon im alten Indien dann am stärksten wurde, wo sich der Kriegsrauch langsam verzog. Dann konnte er vergleichweise gefahrlos aktiv eingreifen und z. T. viele der zersprengten Krieger des Gegners vernichten.

    Die stärkste Figur früher war der Turm, der schon immer so zog wie jetzt, allerdings früher eine andere Bedeutung hatte. Er war der Streitwagen, d. h. ein von Pferden gezogener Wagen, ausgestattet mit den besten Kriegern im Land. Sein roch (persisch für Streitwagen) entwickelte sich im europäischen Mittelalter zur rocha (ital. Burg) und paßte sich daher der mittelalterlichen Realität mit ihren Burgen und Wehrtürmen an.

    Der Bauer dagegen war in der indischen Schlachtordnung der einfache Fußsoldat, der vor den Elite-Kriegern kämpfen mußte, die dann erst im Schutze der Fußsoldaten in den Kampf eingriffen. Er war damals noch schwächer als heute, aber in Relation zu den übrigen Figuren natürlich nicht. Er verfügte noch nicht über den Doppelschritt im ersten Zug und auch noch nicht über das Sonderschlagen (en passant). Seine Beförderung im Falle des Erreichens der Grundlinie, sollte wahrscheinlich den besonders tapferen und starken Soldaten auszeichnen. Dem Motiv der Belohnung wirkt ja stets ein motivierendes Element bei.

    Lesenswert
    Geändert von Kiffing (11.08.2014 um 00:17 Uhr) Grund: verschollenes Bild ersetzt
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  2. #2
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    AW: Die Geschichte der Schachfiguren

    Hab noch eine interessante Ergänzung gefunden.
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  3. #3
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    AW: Die Geschichte der Schachfiguren

    Schöne Begründung, warum der König die wichtigste und schwächste Figur gleichzeitig ist. Als "weiser Herrscher" kämpft er nicht selbst, sondern seine Generale.
    Philosophie über einen Donut:
    Der Optimist sieht den Donut, der Pessimist das Loch!


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