Die Postmoderne entstand in den 80er Jahren als eine Reaktion auf das „Jahrhundert der Ideologien“ und generell als eine Reaktion auf die gesamte Moderne, der vorgeworfen wurde, mit ihren „großen Ideen“ gescheitert zu sein. Durch die „großen Ideen“ in der Moderne, darunter auch die Aufklärung, seien den Menschen bestimmte Lebenswege aufgezwungen worden. Die Verabsolutierung der großen Ideen sei daher schon quasi-totalitär.

Entgegengesetzt wird den modernen Denkrichtungen von daher eine konsequent relativistische Haltung, die sich darin äußert, daß die verschiedenen Entitäten nun gleichberechtigt nebeneinander stehen. Ihr Verhältnis zueinander ist nicht mehr senkrecht und damit eine hierarchische Ordnung abbildend, sondern horizontal. Keine Idee habe so das Recht mehr, sich über die andere Idee zu erheben. Im Bewußtsein darüber, daß alles auf der Welt relativ sei, dürfe von daher auch niemand mehr von seiner eigenen Meinung überzeugt sein. Sie sei ja nur eine Idee von vielen. Dieser Gedankengang konsequent zuende gedacht führt also zu einer Erlischung der eigenen Meinung. Meiner Meinung nach führt dieser so sympathisch klingende „fröhliche Anarchismus“ (Paul Feyerabend) nur in die Sackgasse, was übrigens auch die postmodernen Theoretiker selbst implizit sagen. Denn sie lehnen offen jeden Fortschrittsglauben ab, weil sie grundsätzlich eine Befähigung des Menschen zur Vernunft, von der die Aufklärer ausgegangen sind, bestreiten.

Da Schach immer ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Prozesse und Konflikte gewesen ist, ist auch diese Strömung nicht an dem Schach vorbeigegangen. Ganz im Gegenteil, der Rumäne Mihai Suba etwa spielte ganz konsequent gegen jedes moderne „Dogma“, das auch noch erfolgreich und veröffentlichte seine neuen Ideen. Der umtriebige Schach-Autor John Watson hat diese Ideen von Suba aufgegriffen. Und mit seinen beiden Werken Geheimnisse der modernen Schachstrategie – Fortschritte seit Nimzowitsch und Schachstrategie in Aktion, die beide in der Schachwelt erstrangigen Erfolg hatten, verbreiteten sich diese Ideen endgültig.

In diesen Büchern wird der geneigte Leser mit so ziemlich allem konfrontiert, was postmodernes Denken überhaupt ausmacht. Es wird an allen möglichen Autoritäten auf dem Gebiet der Schachtheoretiker gezweifelt und jede Richtlinie, natürlich per se schon im Dogma-Verdacht, habe keine Gültigkeit und sei in erster Linie zu widerlegen. Als „Beweis“ werden fleißig Ausnahmen gesammelt (die allerdings auch von den vielgeschmähten „Dogmatikern“ nie angezweifelt wurden).„Große Ideen“ haben ausgedient, relativiert wird ohne Ende, und nur noch auf die konkrete Stellung komme es an.

Meiner Meinung nach führt auch dieser Postmodernismus geradewegs in die Sackgasse, weil ohne allgemeine Regeln, die natürlich immer kritisch überprüft werden müssen, kein sinnvolles Schachtraining mehr möglich oder zumindest stark erschwert ist. Denn wenn diese Grundsätze, diese allgemeinen Richtlinien keinen Platz mehr haben, dann bleibt im Prinzip als Training nur noch das hartnäckige Memorieren von konkreten Zugfolgen und das Sammeln von Ideen, die aus der Analyse von anderen Partien geschöpft werden, was zwar ebenfalls fraglos wichtig für das eigene Training ist, jedoch meiner Meinung nach einen nur reduzierten Ansatz darstellt. Vor allem Anfänger dürften es so schwer haben, da für sie traditionell erst einmal das Erlernen von allgemeinen Grundsätzen wichtig ist, die erst später kritisch überprüft werden können.

Wie denkt ihr darüber?