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Thema: Schach im puritanischen England

  1. #1
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    Schach im puritanischen England



    In diesem Thread soll es darum gehen, wie eine einst einflußreiche religiöse Strömung das Schachspiel in England erst behinderte und dann prägte – ob zum Guten des Spiels oder zum Schlechten, müßt ihr für euch selbst beantworten.

    Es handelt sich hierbei um den Puritanismus, der vor allem in England, Schottland und den USA sehr einflußreich war. Um genau zu sein, war der Puritanismus eine reformatorische Strömung, die sich nicht auf Martin Luther, sondern auf die Ideen von Zwingli und Calvin berief. Dem Luthertum wurde vor allem eine mangelnde Konsequenz vorgeworfen. So erlaubte der Lutheranismus seinen Anhängern, das religiöse Leben mit den Formen zu gestalten, die von der Bibel nicht ausdrücklich verboten waren. Im Puritanismus dagegen durfte nur das getan werden, was die Bibel erlaubte. Insofern stand der Puritanismus für eine größere Schlichtheit, und genau diese Schlichtheit war denn auch ihr Wesensmerkmal.

    Der Puritanismus war aber noch sehr viel mehr. Während der Katholizismus es jedem Menschen ermöglichte, durch Frömmigkeit und gute Taten in den Himmel zu kommen, war der Akt dieser Gnade von Gott schon vor der Geburt beschlossene Sache (Prädestinationslehre). Das bedeutete, man konnte diese im Christentum so entscheidende Frage durch keinerlei Taten im Diesseits beeinflußen, doch gab es Anzeichen, die darauf hindeuteten, zu welcher Seite man gehöre. Gott zeige es den Menschen durch Erfolg im Leben und in der Welt. Und da ein jeder Christ natürlich zu den Auserwählten gehören wollte, gab es für ihn nur ein Ziel, nämlich möglichst viel Reichtum anzuhäufen.

    Der andere Punkt ist der, daß im Protestantismus generell, im Puritanismus aber besonders stark, die im Katholizismus oft prunkvollen äußeren Formen des Glaubens durch eine radikale Innerlichkeit und persönliche Glaubenserfahrung ersetzt wurden. Hier gab es prachtvolle Kathedralen des Glaubens, dort gab es einfache zu "Kirchen" umfunktionierte Holzhäuser. In diesem Kontext bedeutete nicht nur die Akkumulation von Reichtum (Max Webers vielbeachtete Theorie ist deswegen die, daß der Protestantismus viel zur Entwicklung des Kapitalismus beigetragen habe), sondern auch eine eigene Frömmigkeit, Gottes Ruhm zu mehren und seiner Gnade gerecht zu werden.

    Die Puritaner waren in dieser radikalen Innerlichkeit sehr konsequent. Sie sahen in allen weltlichen Dingen die Hand des Teufels, ihre Predigten waren voll vor Warnungen vor dem Höllenfeuer, und so war ein Puritaner nicht nur einfach, arbeitsam, sittenstreng, „moralinsauer“ und schlicht, sondern auch freudlos (jede Form von Freude sei weltlich und eine Sünde).

    In diesem Thread soll es nach der notwendigerweise langen Einleitung nun darum gehen, wie sich unter diesen Bedingungen im vom Puritanismus damals stark geprägten England ein Schachleben entfalten konnte. Wie wir uns denken können, waren die Bedingungen des Schachspiels in einem Land, indem die Gleichsetzung von Freude mit Sünde weit verbreitet war, mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Die Schachspieler mußten ihr Hobby fast schon so verdeckt ausüben wie die frühen Christen im alten Rom. Sie wagten sich selten an die Öffentlichkeit, hatten sie doch Angst vor dem Fallbeil der öffentlichen Meinung, die sie als nutzlose Tagediebe erscheinen lassen könnte, die ihre Zeit vergeuden würden anstatt Gott zu dienen. Wenn man es genau nimmt, so war solch ein religiöses Verdikt im Christentum eine neue Qualität, denn im Katholizismus oder in den zahlreichen reformatorischen Strömungen hatte man eigentlich nichts gegen das Schachspiel. Gelegentliche Verbote im Mittelalter sind nicht wegen des Charakters des Schachspiels gefallen, sondern um der Unsitte zu begegnen, daß auch das Spiel Schach sehr gerne um Geld gespielt wurde. Unter diesen Umständen nimmt es nicht Wunder, daß sich in der Hochphase des Puritanismus in England, nämlich vom 16.- bis zum 18. Jahrhundert, im Prinzip kein Schachleben entfalten konnte. Erst um 1800 bekam England mit Jacob Henry Sarratt seinen ersten Berufsspieler, der Schach in England unterrichten konnte.

    Der vielen als Steinitz-Biograph bekannte Jacques Hannak faßt noch einmal diese Probleme, unter denen das Schach im puritanisch geprägten England stand, zusammen:

    Trotz wachsender Popularität des Schachs im Spätmittelalter, war es natürlich ein Spiel der Könige, Bischöfe und Ritter geblieben. Die revolutionären Volksbewegungen übertrugen ihre antifeufale Bilderstürmerei mitunter auch aufs Schachspiel. Zu Savanarolos Zeiten brannten auf dem Scheiterhaufen des Luxus in Florenz zugleich Schachutensilien. Ähnlich ablehnend, regierte die revolutionäre Sekte der Puritaner in der englischen Revolution auf den in ihren Augen überflüssigen Tand des Adels und des Hofes. Die Pioniere des englischen Kapitalismus opferten ihr Geld zudem nicht für Luxusartikel. Sie hatten keine Zeit für profitbeeinträchtigende Nebensächlichkeiten. Jede Münze und jede Minute galt ihrem Geschäft. Für Schach war da wenig Platz. [...] Auch in der allgemeinen Kunstentwicklung war das gleiche wie in der Schachkunst festzustellen. Barock und Rokoko hatten ihren Ursprung in Italien bzw. in Frankreich und wurden in England geradezu ignoriert. Die schon erwähnten Vorsichtsmaßnahmen, die Londoner Schachfreunde bei ihren geheimen Zusammenkünften im Old Slaughter´s Coffee-House für notwendig hielten, waren also nicht unbegründet. Sie wollten nicht in den Ruf kommen, Nichtstuer und Zeitverschwender zu sein, die eine Adelsgepflogenheit fortsetzten. Erst als die puritanischen Lebensregeln an Einfluß verloren, weil sich genügend Kapital angehäuft hatte, so daß eine großzügigere Lebensgestaltung möglich wurde, wagten die Schachfreunde öffentlich ihrem Vergnügen nachzugehen
    Wie wir wissen, gelang der Einbruch in die internationale Schachszene aus dem Nichts heraus überraschend gut. Vielleicht kamen dem „antipuritanischen“ Schachspiel hier die Methoden des Puritanismus zugute, nämlich Bienenfleiß, Rationalität und Zweckgerichtetheit. Es gab ja schon einmal eine Epoche in der Geschichte, nämlich in der Restauration im "System Metternich" nach den Napoleonischen Kriegen, wo die Ideen des Feindes mit den Methoden des Feindes bekämpft wurden, nämlich mit den Methoden der Aufklärung. Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts besaß England mit Howard Staunton den nach seinem gewonnenen Zweikampf gegen Pierre Saint Amant anerkannt stärksten Spieler der Welt. Und England war das Land, wo mit dem anläßlich der Weltausstellung 1851 zeitgleich stattfindenden Turnier in London das erste international anerkannte Schachturnier überhaupt stattfinden sollte, mit zahlreichen Spitzenspielern aus aller Welt.

    Doch auch ein Howard Staunton war von seinem Stil her stark geprägt von der Kultur in seinem Heimatland und damit auch vom Puritanismus. Sein Stil war quasi entkleidet von allem Schönen, Romantischen und Freudvollen, statt Abenteuertum und draufgängerischen Aktionen, die einen Adolf Anderssen etwa ausgezeichnet hatten, bemühte er das Lavieren, er konnte seinen Gegner geradezu totsitzen. Diese Quelle, eine mit summa cum laude ausgestattete Dissertation zum Thema: „Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19.- und 20. Jahrhundert“ vom Schachhistoriker Edmund Bruns erläutert dazu:

    Der „großbürgerliche Aspekt, [...] einer die Meere beherrschenden Weltmacht, den Blick abgewendet von der Idylle behaglicher Selbstgenügsamkeit auf engem Raum. Der nüchterne „common sense“, das Denken und Handeln nach reiner Zweckmäßigkeit sind das Maß englischer Lebensführung – und das gilt auch für das englische Schach – kein überflüssiger Ballast, überschwenglicher, sich in wilden Opferkombinationen austobender Leidenschaften, keine letzten und höchsten Prinzipien, sondern kühles und leidenschaftsloses Betrachten jeder gegebenen Realität, ein Handeln von Fall zu Fall“. Eine solche Spielweise war schon bei dem Engländer Howard Staunton zu erkennen gewesen, der aus ihr jedoch keine Wissenschaft machte, wie es Steinitz tat
    Der Puritanismus hat auch im Schach seine Spuren hinterlassen.
    Geändert von Kiffing (07.09.2012 um 20:51 Uhr) Grund: Bild eingefügt
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

  2. #2
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    AW: Schach im puritanischen England

    Puh, was du uns wieder mal für schwere Kost gibst.

    Wenn die Menschen etwas Neues entdecken, kommen ja zuerst mal wieder die Konservativen und die die alles schlecht machen.
    Ist beim Fußball so gewesen: Die Wohlhabenden: "Das ist doch ein Spiel für die Proletarier und die Ungebildeten"
    Und bei Youtube: Die "Hater": "DU OPFA!"

    Doch vielleicht hat das Schach sowas gebraucht ?
    Das Schach war ja meines Wissens nach bis zur Renaissance oder bis zum Spätmittelalter (Wobei man ja munkelt, dass ein Jahrhundert gelöscht wurde ) noch anders.
    Da wurde mit festgelegten Ausgangsstellungen angefangen, und dann wurde meistens erstmal in der eigenen Hälfte rumgezogen, bevor mal, wahrscheinlich spontan, was passierte.

    Und dann wird die Rochade eingeführt und noch ein paar Regeln.Das Schach muss neu entdeckt werden.
    Und da die Puritaner Schach nun madig machen, beschäftigen sich nur noch die Leidenschaftlichen und die Pioniere damit.Das heißt das Schach wird erstmal ohne Einfluss von Störenfrieden analysiert die Menschen versuchen Klarheit und Aufklärung über die Geheimnisse der 64 Felder zu finden.

    Zum Schluss werden die gesellschaftlichen Normen gelockert und die anderen bunten Einflüsse werden mit den sachlichen Analysen konfrontiert.

    Von dem Standpunkt aus gesehen, dürfte das eigentlich der beste Weg gewesen sein.
    Ich finde den Puritanismus kann man sich als, ja, Zwangsjacke vorstellen.Es gibt dem Schach keinen Freiraum, aber gerade dadurch wurde verhindert, dass falsche Ideen gesammelt werden.

  3. #3
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    AW: Schach im puritanischen England

    Verdammte Religion, die mischt sich aber auch in alles ein.

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