Liebe Schachfreunde,

ich möchte euch heute eine These vorstellen, die vom Schachhistoriker Edmund Bruns in seinem Werk Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. – und 20. Jahrhunderts entwickelt worden ist, und die nach meinem Geschmack so interessant ist, daß sie als Diskussionsgegenstand lohnt. Ich möchte darum bitten, bei Affirmation dieser These nicht den Fehler zu machen, den ehrenwerten Dr. Siegbert Tarrasch in eine Schublade zu stecken bzw. ihn zu kategorisieren, denn das hat er nicht verdient. De mortuis nil nisi bene, sofern sie nicht Franz Gutmayer heißen, aber zu dem äußere ich mich noch an anderer Stelle.

Es geht um die These, daß Dr. Tarrasch, der praeceptor germaniae, den autoritären Charakter des Wilhelminismus im Schachsport symbolisiert habe. So irrig diese These vielleicht so manchem erscheinen mag, man sollte sie nicht mal eben so wegwischen, sondern sich mit ihr auseinandersetzen. Anhand anderer Threads hier im Forum haben wir ja gelernt, daß kulturell-geistige Strömungen durchaus ihren Ausdruck auf dem Schachbrett hinterlassen konnten.

Als Erklärungsansatz für diese These gilt Bruns Tarraschs Verständnis von Schachpädagogik. Tarrasch selbst hat sich, auch wenn er sich vom Stile her von Wilhelm Steinitz durchaus unterschied, für den Schachsport ja das unzweifelhafte Verdienst erworben, Steinitz´ Lehren, die den Übergang in das moderne, wissenschaftliche Schach markierten, popularisiert zu haben. Die Form dieser Übermittlung von Steinitz´ Regeln an das breite Schachvolk geschah dabei durch verschiedene „Dogmen“ wie: „entwickele erst die Springer, dann die Läufer“, „der Läufer ist stärker als der Springer“ (Tarrasch prägte den heute verworfenen Begriff von der kleinen Qualität), „ziehe nicht zweimal die gleiche Figur in der Eröffnung“, „bringe deine Dame nicht zu früh ins Spiel“, „verliere keine Tempi durch unsinnige Bauernzüge und riskanten Bauernraub“, „erobere das Zentrum schon mit den ersten Zügen“, „beherrsche die offenen Linien“ und „ein Turm gehört hinter den Freibauern – die eigenen und die feindlichen“).

Bruns kommt aufgrunddessen zur folgenden Wertung (S. 46):

Die genannten Regeln sollten so exakt angewendet werden wie Verkehrsregeln. Hielt man Tarraschs strategische Konventionen wie die Besetzung des Zentrums, einen harmonischen Aufbau, schnelle Figurenentwicklung und den Besitz des Läuferpaars für richtig und befolgte sie, so würde sich der Sieg der Partie, laut Tarrasch, schon rein mechanisch einstellen. An diesen strategischen Konventionen duldete Siegbert Tarrasch keine Kritik. Er war nicht bereit, von dieser Betrachtung des Schachs abzuweichen oder Kompromisse einzugehen. Diese dogmatische Betrachtung des Schachspiels zeigte Siegbert Tarrasch als wilhelminischen Deutschen.
Jacques Hannak kommt zu einem ähnlich harten Urteil:

Alle Begabung, Solidität, Korrektheit und Gerissenheit des deutschen Bürgers steckte in Dr. Tarrasch, aber auch Überheblichkeit, Selbstsicherheit und dogmatische Rechthaberei eines Siegerstaats und Herrenstaats war ihm in Fleisch und Blut übergegangen
In diesem Zusammenhang ist auch seine Lehre von dem „einzigen richtigen Zug“ zu sehen, den es in jeder Partiephase aufzuspüren gelte. Überhaupt soll Tarrasch, der in einem Staat aufwuchs, in dem das Militär eine hohe Bedeutung innehatte, bis ins öffentliche und private Leben eindrang und dessen Tugenden Symbol einer ganzen Gesellschaft wurden, erwartet haben, daß die von ihm erstellten Richtlinien wie Befehle penibel genau eingehalten werden. Insofern soll Tarrasch eine „Autoritarisierung der Schachpädagogik“ (S. 47) eingeleitet haben. „Für Tarrasch war als Kind des Wilhelminismus Befehl und Gehorsam das dominierende Ordnungsprinzip der Welt.“ (S. 49)

Überhaupt schien auch Dr. Tarrasch, wie die meisten Deutschen zur damaligen Zeit, eine hohe Meinung gegenüber dem Militär gehabt zu haben. Das wird nicht nur an seinem eigenen Auftreten deutlich, sondern auch daran, daß er für seine Partien gerne Allegorien für berühmte Schlachten benutzt hat. So verglich er die Partie Tarrasch – Teichmann von 1905 mit dem Deutsch-Französischen Krieg, eine Partie zwischen Janowski – Marschall mit der Belagerung von Port Arthur und „irgendein Spielchen“ (S. 43) mit der Masurenschlacht.

Wie den „einzig richtigen“ Zug soll er dabei nur seine Spielauffassung gelten gelassen haben, weswegen er sich sehr oft abfällig gegenüber anderen Schachspielern, und beileibe nicht nur gegenüber seinen Intimfeinden Nimzowitsch und Lasker, geäußert haben soll, die eine andere Spielphilosophie als er vertraten und die er nur deswegen als schlecht brandmarkte, weil sie nicht nach den von ihm aufgestellten Regeln spielten. Insofern paßt es zu Tarrasch und der damaligen ambiguitätsintoleranten Kultur in seinem Land, das einen Pluralismus nicht gelten lassen wollte, sondern nur einen bestimmten Weg zum Ziel kannte. Diese Eindimensionalität, die allerdings nicht nur auf das Wilhelminische Deutschland bezogen war, sondern durchaus ein Merkmal der Moderne gewesen ist, rief sehr viel später die Postmodernen auf den Plan, ohne daß sie der Moderne freilich eine sinnvolle Alternative anbieten konnten.

Wie Hannak urteilt, gab Tarrasch so dieser „vorbildlichen Tätigkeit als Erzieher einer ganzen Schachgeneration den Beigeschmack philiströser Oberlehrerhaftigkeit und dünkelhafter Bescheidwisserei. [...] Tarraschs Schachtheorie war die Theorie einer fehlerlosen Denkmaschine, eines unfehlbaren Gottes; er suchte den absolut richtigen Zug, die reine Idealität des Schachs“ (S. 47).Über diesen Habitus spottete bereits sein Zeitgenosse, der österreichische Schachmeister Leopold Löwy in Abwandlung eines bekannten Nietzsche-Titels: „Also sprach Tarraschusta“. (S. 50)

Und in dieser Eindimensionalität, die das in Siegbert Tarrasch verkörperte Wilhelminische Denken auszeichnete, liegt auch das Scheitern von Tarraschs Hegemonialanspruch verborgen, das zwar erst einmal sehr weit kommen kann, dann aber auf seine Grenzen stößt und damit das Ziel der Hegemonie nicht erreicht. Sehr schön hat das wiederum Bruns durchschaut:

“Was Siegbert Tarrasch verwarf, verwarf er endgültig. Was er für richtig hielt, vertrat er mit ganzer Kraft. Gerade in diesem Punkt wurde in Siegbert Tarrasch der Wilhelminische Deutsche sichtbar. Das Wesen des Wilhelminismus war linear. Ein einmal gefaßter Entschluß wurde ohne die Duldung jeglichen Widerstands weiterverfolgt. Von einem einmal eingeschlagenen Weg wurde nicht mehr abgewichen, nicht zu Kompromissen bereit und in Eindimensionalität verharrend.“ [Opfermann] Genau dies sollte die Tragik im Leben von Siegbert Tarrasch werden. Er forderte mit seiner Schachtheorie eine fehlerlose Denkmaschine ein, die immer auf der Suche nach dem absolut richtigen Zug sein müßte und, wenn seine Lehre befolgt würde, ihn auch finden müßte. Doch ist der Mensch eben keine Denkmaschine und Tarrasch selbst mußte erleben, wie viele seiner schachlichen Dogmen im Laufe der Zeit widerlegt wurden
Gerade auf die letzte Aussage bezogen, so war es bereits sein Rivale, Emanuel Lasker, der ihm, irgendwie ganz gleich der Igel dem Hasen bei ihren bekannten Wettläufen, immer voraus war, der die Reduziertheit von Tarraschs Denken offenlegte, indem er Tarraschs Masterplan, in dem der Gegner nicht vorgesehen war, um eben diesen Gegner erweiterte und aus Tarraschs Monolog einen Dialog herstellte (vgl. S. 51). Weitere Denker des Schachs sollten folgen, die Tarrasch um seine Absolutheit berauben sollten und andere Denkansätze aufzeigten, die weitergingen als die von Tarrasch, und die Tarraschs Auffassungen kritisieren, relativieren und sogar widerlegen sollten.

Nein, beliebt war dieser Dr. Tarrasch bei seinen Kollegen nicht. Und genau dieselbe Entfremdung wie zwischen dem Deutschen Reich des Wilhelminismus und dem Ausland gab es zwischen Tarrasch und seinen Großmeisterkollegen. (vgl. S. 49) Verachtet wurde er nicht, der Siegbert Tarrasch, aber er wurde auch nicht geliebt.

Wie denkt ihr darüber?