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Thema: Der Schlachtruf der Hypermodernen

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    Der Schlachtruf der Hypermodernen



    Nach dem Ersten Weltkrieg, der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, begannen viele Menschen die alten Ideen in Kunst, Musik und Literatur zu verwerfen und nach neuen Wegen zu suchen. So entstanden in der Literatur etwa die avantgardistischen Strömungen wie Expressionismus, Symbolismus, Dadaismus, Futurismus oder Surrealismus. Die neue avantgardistische Stilvielfalt in der bildenden Kunst war nochmal um ein Vielfaches größer.

    Natürlich blieb auch das Schach von diesen neuen Strömungen nicht unbeeinflußt. Hier war es die avantgardistische Stilrichtung der Hypermodernen, die aus dem überkommenen Kanon ausbrechen wollte und nach neuen Wegen suchte. Ihre Hauptvertreter waren Aaron Nimzowitsch, Richard Reti, Savielly Tartakower und Gyula Breyer, der damals mit seinem Springerrückzug in der nach ihm benannten Breyer-Variante in der Spanischen Partie alle Zeitgenossen zum Erstaunen brachte. Fortschritt durch Rückschritt spotteten sie, doch lag in diesem Springerrückzug ein tieferer Sinn, der heute längst anerkannt ist.

    Der Stil der Hypermodernen, mit denen sie in der Schachwelt auf sich aufmerksam machten, war getragen von demselben Pathos und Furor, von dem die Avantgardisten anderer Disziplinen getragen waren. So stellte etwa Richard Reti in seinem theoretischen Werk zu den Neuen Ideen im Schachspiel die neue Denkart folgendermaßen vor:

    Die Kulturgeschichte lehrt uns, daß fruchtbare neue Ideen meist im gleichen Zeitraum auf allen möglichen Kulturgebieten Eingang finden. In der Kunst stehen wir heute im Expressionismus. [...] Die neuen Ideen im Schach haben mit dem Expressionismus manche Ähnlichkeit. Unser Ideal ist nicht mehr das, was man „gesundes Spiel“, „naturgemäße Entwicklung“ nannte –naturgemäß im wörtlichen Sinne, denn diese ältere Art der Entwicklung war der Entwicklung, wie wir sie in der Natur sehen, direkt abgelauscht; wir glauben, daß in der Ausführung menschlicher Ideen tiefere Möglichkeiten verborgen liegen als in den Werken der Natur, oder richtiger gesagt, daß – wenigstens für uns Menschen – der menschliche Geist das höchste darstellt, was die Natur geschaffen hat. Und daher wollen wir nicht die Natur nachahmen, sondern wir wollen unserer Idee Wirklichkeit geben. [...] Die Künstler, die allem Spott und allen Anfeindungen derer, die zwar vor dem Forum des Geistes wenig zählen, aber leider die große Überzahl bilden, zum Trotz, statt Nachbildner der Natur zu sein, ihre eigenen Ideen zur Wirklichkeit machen, mögen in Stunden des Zweifels, von denen kein schöpferischer Mensch frei ist, wissen und daraus Hoffnung schöpfen, daß auf dem engen Gebiete des Schachs diese neuen Ideen im Kampf mit den alten siegreich sind
    Die Hypermodernen warfen den Vertretern der schachlichen Moderne vor allem einen gewissen Formalismus vor, in dem das schöpferische Element zu kurz kam (deswegen wurden sie auch Neoromantiker genannt). In der Zentrumsbehandlung gingen sie neue Wege, indem sie darauf hinwiesen, daß es nicht unbedingt erforderlich sei, das Zentrum gleich mit Bauern zu besetzen (wodurch Schwächen entstehen), sondern daß man das Zentrum auch mit Figuren besetzen oder mit Linienfiguren wie v. a. Läufer beherrschen könne. Weil die Hypermodernen natürlich mit vielen Gegnern zu tun hatten, die noch ganz klassisch das Zentrum mit Bauern besetzten, wurde hier nach vielen Wegen gesucht, das gegnerische Zentrum zu erschüttern, etwa indem man es mit Linienfiguren unter Druck setzt und mit Bauern unterminiert. Das konnte geschehen durch ein Spiel gegen die Stärken (Reti) oder ein Spiel gegen die Schwächen (Nimzowitsch). Die Aljechin-Verteidigung wäre solch eine hypermoderne Eröffnung, wo Schwarz, vor allem wenn es zum Vierbauernangriff kommt, sein hypermodernes Lieblingsschema sofort anwenden kann.

    Außerdem verwarfen die Hypermodernen den modernen Ansatz, daß jeder Zug einen bestimmten Zweck erfüllen müsse. Sie wiesen darauf hin, daß man in manchen Situationen auch stille Abwartezüge machen könne. Überhaupt waren viele Hypermoderne gar nicht so sehr von dem Wert der Geschwindigkeit überzeugt, den noch ein Paul Morphy so überzeugend nachgewiesen hatte. Aaron Nimzowitsch etwa gab in Mein System sein neues Konzept den Oberbegriff Prophylaxe, er führte die Begriffe Überdeckung, Blockade und Hemmung in das Schach ein, und statt Entwicklung wurden auf einmal Konsolidierung und Elastizität im Schach großgeschrieben.

    Genau wie die Avantgardisten in anderen Disziplinen, waren die Ideen der Hypermodernen für viele eine Provokation, weil diese so gar nicht dem alten Schönheitsideal der Klassiker entsprechen wollten. Edmund Bruns läßt etwa Harald C. Schonberg ausführen:

    Die Eröffnung folgte festen Regeln wie der Aufbau einer klassischen Sonate, Regeln, die dazu dienten Dissonanzen – „häßliche Züge“ – zu vermeiden. Doch plötzlich erschienen die Hypermodernen und wirbelten die Partie mit Dissonanzen durcheinander. Sie predigten eine völlig neue Konzeption, [...]In den so entstehenden geschlossenen Partien manövrierte man auf engem Raum ganz anders als bei der bisher üblichen, offenen Spielweise, und damit taten sich ältere Spieler ebenso schwer wie altmodische Pianisten, die, an Mozart und Chopin gewohnt, verzweifelt versuchten, ihre Fingerbewegungen neu zu koordinieren, um ein Bartok- oder Prokofjew-Konzert in den Griff zu bekommen. Man mußte nicht nur umdenken, sondern sich zugleich automatische, in Fleisch und Blut übergegangene Reaktionen abgewöhnen. Auch das Mittelspiel, das aus den hypermodernen Eröffnungen entstand, sah anders aus als alles, was den konventionellen Spielern geläufig war. Bizarre Stellungen ergaben sich; nichts dergleichen hatte man je zuvor gesehen.
    Interessant ist, daß Nimzowitsch sich am Ende von Mein System von Tartakower abgrenzte, der mit Blick auf die Hypermodernen noch von einer Art revolutionärem neuen Ideengebäude gesprochen hatte. Nimzowitsch führt aus:

    Tartakowers interessanter Versuch, eine neue schachrevolutionäre Idee zu schaffen, muß als gescheitert betrachtet werden. [...] Wir Modernen sind an die Grenzen der Logik ebenso gebunden wie die Nichtmodernen, nur daß wir eben eine Verinnerlichung der toten Dogmen, eine Belebung derselben anstreben
    Das heißt, es ist nicht die Ersetzung der Modernen, sondern die Ergänzung derselben gewesen, die Nimzowitsch angestrebt hatte und damit ungefähr das Gleiche, was die Protagonisten des Sturm und Drangs angestrebt hatten, welche die Ideen der Aufklärung ebenfalls nicht ersetzen, sondern bereichern wollten, hier durch das bei den Aufklärern zu kurz gekommene Gefühl.

    Wie dem auch sei, die Epoche der Hypermodernen, aus dem auch der große Ideenstreit zwischen Aaron Nimzowitsch und Siegbert Tarrasch, der leider auch oft auf persönlicher Ebene ausgefochten wurde, und der heute zum Erbe der Schachwelt gehört, herrührte, leistete eine ungeheure Befruchtung des Schachspiels und half dabei, das Schachspiel beträchtlich weiterzuentwickeln. Die Protagonisten der Hypermodernen waren freilich die letzte Strömung im Schach, die das Schachspiel mit einem eigenen Ideengebäude interpretieren wollte, es waren Hypermoderne, aber keine Postmodernen. Heute hat jeder gute Schachspieler sämtliche geistigen Strömungen im Schach verinnerlicht und spielt bei Bedarf das, wonach die Stellung gerade verlangt. So spielt ein Wladimir Kramnik etwa gelegentlich wie Nimzowitsch und gelegentlich wie Tarrasch, je nachdem, was ihm gerade angemessen erscheint. Bereits Alexander Aljechin, der mit seinem Schöpfertum und seinem ungeheuer scharfen Angriffsspiel die in der Schachwelt damals grassierende Angst vor dem Remistod verbannte, hat sich als Zeitgenosse der Hypermodernen dagegen gewandt, von den Hypermodernen vereinnahmt zu werden. Vielleicht war es Alexander Aljechin gewesen, der es als einziger noch zu Lebzeiten der Hypermodernen geschafft hatte, sich deren Ideen nutzbar zu machen und mit den Ideen der Modernen zu synthetisieren. Nicht zuletzt deswegen wurde er von John Watson in dessen bahnbrechendem Werk Geheimnisse der modernen Schachstrategie als Wegbereiter der Moderne gesehen, und er verstand darunter nicht wirklich dasselbe wie etwa Nimzowitsch oder Tarrasch.

    Zum Schluß noch eine typische hypermoderne Schachpartie:

    [Event "Vienna"]
    [Site "Vienna"]
    [Date "1923.??.??"]
    [EventDate "?"]
    [Round "?"]
    [Result "1-0"]
    [White "Richard Reti"]
    [Black "Theodor Gruber"]
    [ECO "A15"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "53"]

    1. Nf3 Nf6 2. c4 d6 3. g3 Bf5 4. Bg2 c6 5. b3 Qc8 6. h3 e5
    7. Bb2 Na6 8. Nc3 h6 9. d3 Be7 10. Qd2 Nc7 11. Nd1 O-O 12. Ne3
    Bh7 13. O-O Nd7 14. Nh2 Ne6 15. f4 exf4 16. gxf4 f5 17. Kh1
    Nf6 18. Rg1 Nh5 19. Bf3 Nhxf4 20. Nd5 Nxd5 21. cxd5 Bg5
    22. dxe6 Qxe6 23. Qc3 Bf6 24. Qd2 Kh8 25. Rg2 Rf7 26. Rag1 Be5
    27. d4 1-0
    Das tödliche 28. d5 kann Schwarz nicht mehr verhindern.
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

  2. #2
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    AW: Der Schlachtruf der Hypermodernen

    Und hier seht ihr beim Turnier 1924 in New York noch einmal den hypermodernen Stil in Reinform. Emanuel Lasker wurde mit diesem Stil gegen Richard Reti (Weiß) konfrontiert. Reti fianchettiert beide Läufer und verstärkt deren Wirkung mit Zügen wie 14. Da1 und 25. Dh1. Raymond Weinsteins süffisanter Kommentar:

    Die Idee der hypermodernen Schule über den schonenden Umgang mit den Zentralbauern wurde von Reti konsequent und kompromißlos umgesetzt: Die Partie geht verloren, doch die Bauern sind unversehrt
    (Garri Kasparov, Meine Großen Vorkämpfer, Band 1, Edition Olms, S. 239)

    Aber gut, gegen Lasker haben schon ganz andere verloren.
    [Event "New York"]
    [Site "New York"]
    [Date "1924.04.08"]
    [EventDate "?"]
    [Round "16"]
    [Result "0-1"]
    [White "Richard Reti"]
    [Black "Emanuel Lasker"]
    [ECO "A12"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "90"]

    1. Nf3 d5 2. c4 c6 3. b3 Bf5 4. g3 Nf6 5. Bg2 Nbd7 6. Bb2 e6
    7. O-O Bd6 8. d3 O-O 9. Nbd2 e5 10. cxd5 cxd5 11. Rc1 Qe7
    12. Rc2 a5 13. a4 h6 14. Qa1 Rfe8 15. Rfc1 Bh7 16. Nf1 Nc5
    17. Rxc5 Bxc5 18. Nxe5 Rac8 19. Ne3 Qe6 20. h3 Bd6 21. Rxc8
    Rxc8 22. Nf3 Be7 23. Nd4 Qd7 24. Kh2 h5 25. Qh1 h4 26. Nxd5
    hxg3+ 27. fxg3 Nxd5 28. Bxd5 Bf6 29. Bxb7 Rc5 30. Ba6 Bg6
    31. Qb7 Qd8 32. b4 Rc7 33. Qb6 Rd7 34. Qxd8+ Rxd8 35. e3 axb4
    36. Kg2 Bxd4 37. exd4 Bf5 38. Bb7 Be6 39. Kf3 Bb3 40. Bc6 Rd6
    41. Bb5 Rf6+ 42. Ke3 Re6+ 43. Kf4 Re2 44. Bc1 Rc2 45. Be3 Bd5
    0-1
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