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Thema: Der Schachstil in der stalinistischen Sowjetunion

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    Der Schachstil in der stalinistischen Sowjetunion



    In Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts vom Schachhistoriker Dr. Edmund Bruns bemerkte ich auf S. 252f. folgende Entdeckungen, die Bruns vom bekannten US-amerikanischen Schachmeister und Psychoanalytiker Reuben Fine zitiert:

    Sie [die sowjetischen Großmeister] waren gezwungen, sich einem bestimmten Stil anzupassen, ob sie wollten oder nicht. Wenn man diesen Stil genau bestimmt, kann man ihn mit dem sowjetischen Denken auf anderen Gebieten vergleichen. Vor nunmehr fast einem Vierteljahrhundert habe ich gemeinsam mit Dr. Leopold Haimson eine Untersuchung über die russische Spielweise im Schach, wie sie sich in ihren Meisterpartien offenbarte, angefertigt. Die Studie unterlag lange Zeit der Geheimhaltung. Aber dies ist jetzt nicht mehr der Fall, so daß hier die wesentlichen Befunde mitgeteilt werden können:
    Der sowjetische Schachstil war damals (1950) gekennzeichnet durch äußerste Betonung der Taktik und Gegenangriff. Während die strategischen Konzeptionen nicht besonders eindrucksvoll schienen, war die taktische Ausführung überragend. Vor allem vermieden die sowjetischen Spieler eine passive Verteidigung und verlegten sich stattdessen auf kraftvolle Gegenangriffe. Einmal in eine passive Stellung geraten, erlitten sie häufig Niederlagen, weil ihnen langwierige Verteidigungsmanöver, die ihnen keine aggressive Möglichkeiten boten, unerträglich waren. Das sowjetische Schach war früher bekannt für seine überaus originellen Ideen, die oft deutlich von den in Westeuropa und Amerika geläufigen abwichen. Zum Teil rührte diese Originalität jedoch aus mangelnder Vertrautheit mit dem, was außerhalb der Sowjetunion geschah. Selbst die Spielregeln waren nicht ganz die gleichen, insofern sie das Remis nach dreifacher Zugwiederholung nicht zuließen; sowohl Spasski als auch Petrosjan scheinen diese westliche Spielregel in Partien gegen Fischer, in denen sie die Oberhand hatten, vergessen zu haben. Eine bestimmte Abneigung gegen Remisen war ziemlich deutlich. Sie spielen auf Sieg oder Niederlage, erzielten oft glänzende Siege, weil sie es verstanden, jede sich bietende Chance auszunutzen, mußten aber ebensooft unnötige Niederlagen einstecken, weil sie sich nicht zu einer sicheren Verteidigung erschließen konnten. Die Angst vor Abweichungen, ein markanter Zug der sowjetischen Gesellschaft, hatte auch das Schachspiel ergriffen. Kein Meister getraute sich zu sagen, sein Stil unterscheide sich deutlich von dem der anderen. Im Zusammenhang mit diesem Konformitätsdruck erinnere ich mich an einen Vorfall aus dem Jahr 1937, als ich mich selbst in Rußland aufhielt. Von der Zeitung Iswestja über meine Eindrücke in Rußland befragt, beschränkte ich mich nach einigen Worten über die Untergrundbahn vorsichtigerweise ganz auf Schach. Unter anderem wies ich auf die ziemlich ungestüme Spielweise der damaligen russischen Meister hin und fügte hinzu, die einzige Ausnahme hiervon sei auf dem Moskauer Turnier Belawienetz gewesen, dessen Spiel sehr viel solider als das der anderen gewesen war. Sogleich schrieb Belawienetz (der später im Krieg ums Leben kam) einen empörten Brief an die Iswestja, in dem er jeden Unterschied zu den anderen Meistern bestritt und mich angriff, weil ich es gewagt hatte, anzudeuten, er sei ihnen überlegen. Abgesehen von Botwinnik fand der erste sowjetische Schachstil seine höchste Verkörperung in Bronstein und mehr noch in Tal. Nachdem man sich aber daran gewöhnt hatte, daß die Sowjetunion alle Weltmeister stellte, zeigten sich auffällige Wandlungen im Schachstil. Die Spieler machten sich damit vertraut, wie im Ausland gespielt wurde. Sie fingen an, ein solideres, defensiveres Schach zu spielen. Sie zeigten weniger Originalität. Sie gingen einem Remis nicht mehr aus dem Weg – im Gegenteil, bei den Spitzenturnieren schien es ihnen nun geradezu willkommen zu sein. Der führende Verfechter des neuen Stils war Petrosjan, [...]. Seinen Stil könnte man am ehesten als bürokratisch bezeichnen, denn er neigte dazu, mit Beharrlichkeit und nicht so sehr mit Phantasie zu gewinnen. [...] Aber auch nachdem der neue Stil eingeführt wurde, haben sich die russischen Meister anscheinend anpassen müssen. Jeder spielte nun ein vorsichtiges, bedächtiges Schach, und ein hoher Prozentsatz von Remisen war an der Tagesordnung. [...]
    Der alte Stil vor 1950 stand anscheinend im Einklang mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in der damaligen Sowjetunion. Angriff war das Gebot der Stunde. Niemand konnte sich über längere Zeit in Sicherheit wiegen, auf Vorsicht kam es deshalb nicht an. Wer oben ist, kann sich doch nicht lange halten; man genieße also seine Stellung, solange es noch möglich ist. Dr. Haimson erkannte verblüffende Ähnlichkeit zwischen dem militärischen Denken und der allgemeinen geistigen Atmosphäre in der Sowjetunion.
    Nachdem die Sowjets zu einer Weltmacht ersten Ranges aufgestiegen waren, entwickelte sich bei ihnen eine starke Tendenz, diese Stellung zu festigen. Insofern spiegelte sich im Wandel des Schachspiels auch eine Veränderung in ihrer Weltstellung und ihrem Selbstbild. Die Vormachtstellung der Sowjets im Weltschach wurde so stark, daß sie nach und nach zu der Überzeugung gelangten, sie seien die Supermänner des Schachs
    Es ist offensichtlich, daß hier die Ereignisse in der Sowjetunion auch in ihrer Art Schach zu spielen, ihren Widerhall fanden. Und das, was Fine in der Art, in der Sowjetunion nach Stalins Tod Schach zu spielen, herausfand, könnte insofern auf die Zeit der Bürokratisierung und Erstarrung in der Sowjetunion hindeuten, die sich durch einen „bürokratischeren Stil“ [Fine] niedergeschlagen hatte, wo die Anfangseuphorie und die Angst gewichen waren, es nicht mehr primär auf den Angriff ankam, sondern eher darauf, das Erreichte zu verwalten. Auch wenn man sich sicherlich darüber streiten kann, inwiefern der Schachstil der sowjetischen Großmeister vor allem nach Stalin noch gleichgeschaltet war - so waren etwa die beiden Extrempole Michail Tal und Tigran Petrosjan Zeitgenossen -, so sind diese Befunde doch höchst interessant, vor allem, was die „Jugendjahre“ des Sowjetischen Schachs betrifft.

    Doch was war das überhaupt für ein Stil, der von den sowjetischen Großmeister bis etwa 1953 verlangt worden ist?

    Bruns veranschaulicht die Antwort auf diese Frage anhand von Quellen direkt aus der damaligen Sowjetunion, indem er führende Vertreter der Sowjetischen Schachschule zu Wort kommen läßt:

    the Sovjet style of play in chess was held to be confident and aggressive, in contrast with the defensive, safety-first tactics ascribes to Western masters
    (Kotov, Die Sowjetische Schachschule, Berlin 1958)

    Man muß hierbei dazusagen, daß dieser Stilunterschied auch daran lag, daß in der Sowjetunion das Schachspiel ganz andere Voraussetzungen gehabt hatte. Denn im Westen orientierte man sich zu dieser Zeit an das moderne Schach um Steinitz und Tarrasch oder an das hypermoderne Schach von Nimzowitsch und Reti. In der Sowjetunion hatte man dagegen ein ganz anderes Vorbild, nämlich Michail Tschigorin, der das strikte Regelkanon eines Steinitz bereits zu Lebzeiten kritisiert hatte und dem einen schöpferischen Stil entgegensetzen wollte, der ja auch das Merkmal der sowjetischen Meister wurde. Später wurde Boris Spassky bis zu seiner Niederlage gegen Fischer ein Vorbild für das sowjetische Schach. Man pries seinen „Universalstil“, der damals als das höchste galt, was ein „kompletter Schachspieler“ spielen konne.

    Bruns läßt auch den „Patriarchen der Sowjetischen Schachschule“, Michail Botwinnik zu Wort kommen, der die sowjetische Staatsideologie des Dialektischen Materialismus mit dem Schach in Verbindung bringt und äußert, daß sich ein solcher Stil durch Flexibilität auszeichne. Diese vermöge auf jede nur denkbare Situation reagieren zu können und bilde den Gegensatz zu den statischen kapitalistischen Konzeptionen, die entweder die Eröffnung, den Angriff, die Verteidigung oder das Endspiel überbetone (vgl. ebd. S. 258f.). Dieselbe Übertragung findet man bei dem sowjetischen Schachspieler Isaak Lipnitzky in seinem Lehrbuch Fragen der modernen Schachtheorie. Dort heißt es:

    Jeder gedankliche Prozeß - im Schach oder anderswo - findet mit Hilfe von Analyse und Synthese statt, die sich gegenseitig ergänzen und eng miteinander verknüpft sind. Engels schrieb, daß das "Denken zu gleichen Teilen in der Auflösung der wahrgenommenen Objekte in ihre Elemente und im Verbinden von miteinander in Beziehung stehenden Elementen zu einem Ganzen besteht. Ohne Analyse gibt es keine Synthese." Es ist nur natürlich, daß auch im Schach Analyse und Synthese Hand in Hand gehen. Es stimmt zwar, daß in der Schachterminologie das Konzept der Synthese durch das Wort Bewertung ersetzt wird, aber im Wesen ist es das Gleiche
    Isaak Lipnitzky, Fragen der modernen Schachtheorie, Quality Chess, 2008, S. 92

    Seine kämpferische Ausprägung kommt in dem Zitat: „Der sowjetische Stil ist die Stachanow-Bewegung – Kampf und Sieg!“, geprägt von L. Spokoinij 1936 zum Ausdruck (ebd. S. 252). Dieser kampfbetonte Stil wurde auch verlangt und vom sowjetischen Schach durch bestimmte Regeln gefördert. Außer des schon erwähnten Außerkrafttretens der Zugwiederholungsregel und der Tatsache, daß Remis in der damaligen Zeit in diesem Land verpönt gewesen ist, durften sich die Meister niemals auf ihren Lorbeeren ausruhen. Man mußte etwa seinen Meistertitel immer wieder bestätigen, der sonst aberkannt wurde.

    Es fällt zudem auf, daß es, was den sowjetischen Schachstil anging, starke Gemeinsamkeiten mit der Ideologie des „Arischen Schachs“ der Nazis gegeben hatte. Während die Nazis ebenfalls einen eigenen („arischen“) Stil prägen wollten und mit dem „jüdischen Schach“ ein klares Feindbild kannten, waren es hier die Gegensatzpaare sowjetisches Schach und kapitalistisches Schach, wo das Letztgenannte mit ähnlich negativen Attributen belegt wurde wie das „jüdische Schach“ bei den Nazis. Bruns führt aus:

    All dies muß unter dem Aspekt betrachtet werden, daß das sowjetische Schach den sowjetischen Menschen repräsentiere: Unbeugsamer Wille, Angriffslust und Selbstbewußtsein, im Gegensatz zum angeblich geistlosen, dekadenten, kapitalistischen, imperialistischen und formalistischen Westen
    Und eben diese Attribute des idealen sowjetischen Menschen sollten sich in seiner Art, Schach zu spielen, wiederfinden, mit dem sich vom gegnerischen Feindbild abgegrenzt werden sollte. War bei den Nazis der Rassenhaß die ideologische Grundlage für ihre Abgrenzung gegenüber dem "jüdischen Schach", so war es bei den Sowjets unter Stalin der Klassenhaß, der das sowjetische Schach vom "kapitalistischen Schach" sich abgrenzen ließ. Beiden Systemen war hier gemeinsam, daß sie ihr jeweiliges Feindbild auf die schachliche Ebene projizierten.

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    AW: Der Schachstil in der stalinistischen Sowjetunion

    Interessanter Bericht.
    Vor allem erstaunt mich dass die Russen von den westlichen Spielern etwas lernen wollten, wo sie damals alles dominiert haben.
    Zuerst aggressiv gespielt und später defensiv.
    Das passt vielleicht auf Petriosian, Karpov und Kortschnoi aber nicht so sehr auf Spaski und Kasparov.
    Das Remisgeschiebe bei den Tournieren war nicht so sehr eine Frage des Stils sondern war eher prgmatisch begründet, mit so wenig Augwand wie möglich die Preisgelder kassieren.

  3. #3
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    AW: Der Schachstil in der stalinistischen Sowjetunion

    Zitat Zitat von sorim Beitrag anzeigen
    Vor allem erstaunt mich dass die Russen von den westlichen Spielern etwas lernen wollten, wo sie damals alles dominiert haben.
    Angriff impliziert Risiko, das hat Fine ja auch oben beschrieben. Ich denke, zu dem Zeitpunkt, als die Sowjets bereits so gut waren, hielten sie es nicht mehr für nötig, jetzt ein besonderes Risiko eingehen zu müssen. Allerdings war die Folge davon eine gewisse Trägheit, die sich bei dem höchst ambitionierten Fischer dann auch gerächt hat. Die Offiziellen haben auf den Verlust des WM-Titels u. a. mit einem Remisvereinbarungsverbot bis zum 30. Zug reagiert. Aber leider weiß ich nicht, wie lange diese neue Regel dann in Kraft blieb.

    Zitat Zitat von sorim
    Zuerst aggressiv gespielt und später defensiv.
    Das passt vielleicht auf Petriosian, Karpov und Kortschnoi aber nicht so sehr auf Spaski und Kasparov.
    Na gut, Kasparov kam ja schon in der Endphase der UdSSR hoch, als Machtverlust und Autoritätsverlust der herrschenden Partei schon um sich griffen und der Auslöser nur noch auf sich warten ließ. Abgesehen davon machte Kasparov eh, was er wollte. Sagen lassen hat er sich nichts mehr.
    Zitat Zitat von sorim
    Das Remisgeschiebe bei den Tournieren war nicht so sehr eine Frage des Stils sondern war eher prgmatisch begründet, mit so wenig Augwand wie möglich die Preisgelder kassieren.
    Ja, und zu diesem Zeitpunkt war das Remis ja auch nicht mehr verpönt.
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