Die Dame ist eine mächtige Figur, die nicht nur zentral wunderbar wirken kann, sondern die so beweglich ist, daß sie im Prinzip überall gefährlich sein kann. Mit den ersten beiden Reihen haben die Hypermodernen den Fokus auf eine interessante Wirkungsregion der Dame gelegt. Die Dame wirkt sicher von hinten, ohne daß sie vertrieben werden kann. Es war nun Akiba Rubinstein vorbehalten, auch wenn er kein Hypermoderner war, der von vielen als bester Nichtweltmeister der Schachgeschichte gesehen wird, mit einer taktischen Idee durch die Dame, nämlich mit dem Zauberzug Dc1, zwei ganz starke Weltmeister zu schlagen (auch wenn der Eine es damals noch nicht war). Es ist nicht zufällig dieses Feld, denn von dort schaut die Dame auf die c-Linie, auf der traditionell viele Angriffe laufen, sowie auf eine ganz starke Diagonale Richtung h6, die für Königsangriffe sehr beliebt ist. Wir schauen uns hier einmal die Partien an:

In St. Petersburg 1909 schlug Akiba Rubinstein den amtierenden Weltmeister Emanuel Lasker, indem sein taktischer Durchblick mit 16. Tc1!! unter Beweis gestellt wurde. 18. Dc1!! ist dann schließlich die Rechtfertigung der taktischen Variante, durch die Rubinstein einen Bauern gewann. Mit 21. Tf4!! erzwang Rubinstein dank zahlreicher Mattdrohungen den Damentausch und damit das Turmendspiel, in dem er seine große Klasse ausspielen konnte.

[Event "St.Petersburg"]
[Site "St.Petersburg"]
[Date "1909.02.18"]
[Round "3"]
[White "Akiba Rubinstein"]
[Black "Emanuel Lasker"]
[Result "1-0"]
[ECO "D30"]
[PlyCount "79"]
[EventDate "1909.??.??"]

1. d4 d5 2. Nf3 Nf6 3. c4 e6 4. Bg5 c5 5. cxd5 exd5 6. Nc3 cxd4 7. Nxd4 Nc6 8.
e3 Be7 9. Bb5 Bd7 10. Bxf6 Bxf6 11. Nxd5 Bxd4 12. exd4 Qg5 13. Bxc6 Bxc6 14.
Ne3 O-O-O 15. O-O Rhe8 16. Rc1 Rxe3 17. Rxc6+ bxc6 18. Qc1 Rxd4 19. fxe3 Rd7
20. Qxc6+ Kd8 21. Rf4 f5 22. Qc5 Qe7 23. Qxe7+ Kxe7 24. Rxf5 Rd1+ 25. Kf2 Rd2+
26. Kf3 Rxb2 27. Ra5 Rb7 28. Ra6 Kf8 29. e4 Rc7 30. h4 Kf7 31. g4 Kf8 32. Kf4
Ke7 33. h5 h6 34. Kf5 Kf7 35. e5 Rb7 36. Rd6 Ke7 37. Ra6 Kf7 38. Rd6 Kf8 39.
Rc6 Kf7 40. a3 1-0


Die nächste Partie ist sogar noch interessanter. Der zukünftige Weltmeister Jose Raul Capablanca versäumt zum letzten Male im 8. Zug das sichere ...Sf6, wonach er nach 10. Sg5! auf e6 eine Schwäche verpaßt bekommt und sich nicht mehr befreien kann. Mit der ebenso tiefen wie fein berechneten Kombination 14. Sxd5!!, dessen Rechtfertigung 17. Dc1!! ist (diesen Zug hatte Capablanca übersehen, als er sich auf diese Verwicklungen mit 14. ...Dxf6? einließ), gewann Rubinstein auch hier einen Bauern und konnte erneut seinen Vorteil ausspielen, auch wenn der in Endspielen sonst so meisterhafte Rubinstein Capablanca mit 38. Ld5? noch einmal eine Chance ließ, die der Kubaner aber nicht mehr bemerkte. Es ging 38. ...Txa2!!, denn 39. Lxa2 scheitert an 39. ...b3 mit Umwandlung. Richtig wäre deswegen 38. Lc4! gewesen, und 38. ...Txa2?? scheitert nun an dem Zwischenschach 39. Tb5+!

[Event "San Sebastian"]
[Site "San Sebastian"]
[Date "1911.03.13"]
[Round "13"]
[White "Akiba Rubinstein"]
[Black "Jose Raul Capablanca"]
[Result "1-0"]
[ECO "D33"]
[PlyCount "83"]
[EventDate "1911.??.??"]

1. d4 d5 2. Nf3 c5 3. c4 e6 4. cxd5 exd5 5. Nc3 Nc6 6. g3 Be6 7. Bg2 Be7 8. O-O
Rc8 9. dxc5 Bxc5 10. Ng5 Nf6 11. Nxe6 fxe6 12. Bh3 Qe7 13. Bg5 O-O 14. Bxf6
Qxf6 15. Nxd5 Qh6 16. Kg2 Rcd8 17. Qc1 exd5 18. Qxc5 Qd2 19. Qb5 Nd4 20. Qd3
Qxd3 21. exd3 Rfe8 22. Bg4 Rd6 23. Rfe1 Rxe1 24. Rxe1 Rb6 25. Re5 Rxb2 26. Rxd5
Nc6 27. Be6+ Kf8 28. Rf5+ Ke8 29. Bf7+ Kd7 30. Bc4 a6 31. Rf7+ Kd6 32. Rxg7 b5
33. Bg8 a5 34. Rxh7 a4 35. h4 b4 36. Rh6+ Kc5 37. Rh5+ Kb6 38. Bd5 b3 39. axb3
a3 40. Bxc6 Rxb3 41. Bd5 a2 42. Rh6+ 1-0

Akiba Rubinstein hat der Schachwelt Großartiges hinterlassen. Zu seinem Schaffen gehörten zahlreiche Perlen, in der Endspielbehandlung war er bahnbrechend, vor allem was die Turmendspiele angeht. So sagt man, was dem Philidor seine Bauern waren, dem Fischer seine Läufer, dem Petrosjan seine Springer, dem Tal seine Damen, waren dem Rubinstein seine Türme. Auch die Eröffnungsbehandlung hat er mit zahlreichen Kreationen beflügelt wie z. B. das Rubinstein-System in der Französischen Verteidigung (1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3/Sd2 dxe4). Wahrscheinlich war Rubinstein der Erste, der schon systematisch von Beginn an Spielpläne anlegen konnte, die bis ins Endspiel reichten. Sein Spielstil war originell, schöpferisch und von einer gewaltigen Tiefe, die ihm im Laufe seiner Karriere zahlreiche unsterbliche Züge machen ließ, die niemand erwartete. Er war ein Künstler im besten Sinne und half dabei, auch nach auf dem ersten Blick unspielbaren Zügen zu suchen, die dann doch einen tieferen Sinn haben. Er half dabei, neue Wege zu entdecken, die das ohnehin schon so große Universum Schach einem bietet und gibt einem Mut, wenn es Sinn macht, auch mal Dissonanzen zu erzeugen. Denn manchmal ist das vordergründig Häßliche in Wirklichkeit hintergründig schön. Mark Dworetzki nannte diese Vorgehensweise in der Variantenberechnung später den erweiterten Suchmodus.