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Thema: Was sind Sie eigentlich für ein Mensch, Herr Steinitz?

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    Was sind Sie eigentlich für ein Mensch, Herr Steinitz?



    Über Wilhelm Steinitz als Schachspieler ist schon viel gesagt worden. So wurde die Wandlung des einstigen Himmelsstürmers zum rationalen Positionsspieler beschrieben, ebenso wie seine jahrzehntelange Hegemonie über die Schachwelt, und natürlich seine alles überragende Theorie, welche die Phase der Moderne im Schach, ja geradezu seine Verwissenschaftlichung eingeleitet hat. Natürlich gab es auch vor Steinitz schon Spieler, die positionell spielten, etwa Louis Paulsen, Howard Staunton, Philidor oder Pierre Saint-Amant. Ihnen allen fehlte aber trotz ersten Ansätzen durch Philidor der nachhaltige theoretische Überbau.

    In diesem Thread soll es nun um den Menschen Wilhelm Steinitz gehen, es soll sich den vielfach kolportierten Legenden über ihn genähert werden und unter anderem die Fragestellung eingeleitet werden, ob dieser Wilhelm Steinitz tatsächlich so schlimm war wie behauptet.

    Die gedrungenste Form stellt wohl dieser Ausschnitt dar, in dem es heißt:

    Steinitz galt als der unbeliebteste Schachspieler seiner Zeit. Der kaum 1,50 Meter große Steinitz war gehbehindert, kurzsichtig, litt an Arthritis und einem Lungenleiden, war leicht reizbar und wurde von seinen Zeitgenossen als "größenwahnsinnig" bezeichnet. Er hatte die Angewohnheit unterlegene Gegner durch Anspucken zu demoralisieren. Mit James Henry Blackburne, auch "black death" genannt, geriet er einmal an den Falschen. Blackburne schleuderte Steinitz Kopf voran durch ein geschlossenes Fenster. Wenn Steinitz in Wut geriet so verhielt er sich geradezu "viehisch", "Das reinste Stachelschwein, wo immer man ihn anfaßt, sticht man sich.", kommentierte ihn ein Zeitgenosse.
    Der „Zeitgenosse“ war übrigens der aufgeklärte Historiker Henry Thomas Buckle, gleichzeitig einer der stärksten Spieler Englands, der vor allem mit einprägsamen Zitaten und Aphorismen den Optimismus der damaligen Zeit widerspiegelte. Damals war es noch üblich, daß selbst die besten Spieler der Welt einem Beruf nachgingen, weil die Verdienstmöglichkeiten selbst für Spitzenspieler kaum zum Lebensunterhalt ausreichten.

    Die Aussage, Steinitz habe seine unterlegenen Gegner angespuckt, ist natürlich ein unfaßbar schwerer Vorwurf. Ich selbst habe Schwierigkeiten damit, mir vorzustellen, daß angesichts des Ehrbegriffs der damaligen Zeit sich jemand, auch wenn der Täter der Weltmeister war, so etwas gefallen lassen hätte (wie hätte wohl Meister Tarrasch reagiert?). Treppner/Pfleger etwa erwähnen diesen Vorwurf überhaupt nicht, und zur Blackburne-Geschichte heißt es da wesentlich konzilianter:

    Den Gipfel bildete ein Eklat mit Blackburne; diese Szene wird gerne und in schillernden Farben beschrieben, ist aber von reichem Legendenwerk umrankt. Angeblich spuckte Steinitz den anderen an und fand sich dann in der Auslage des Etablissements wieder. Wer anfing und warum, ist nicht sicher überliefert
    Pfleger/Treppner, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, C.H. Becksche Verlagsbuchhandlung, 1994, S. 63

    Trotzdem schien sich Steinitz überall in seinen Stationen England und USA Feinde gemacht zu haben. So warf sein „Intimfeind“ (ebd.) Zukertort dem streitbaren Steinitz vor, während seiner England-Station aus einem Club nur ausgetreten zu sein, um seinen Ausschluß zu entgehen, in einem anderen nur knapp dem Rauswurf entgangen zu sein, zeitweises Hausverbot im Londoner Schachtreff „Simpsons Divan“ gehabt zu haben sowie Abbruch der Beziehungen zu vielen anderen Meistern (vgl. ebd.). Und auch in den USA schien es nicht viel besser zu sein. Wie schon in England, betrieb er dort eine eigene Schachzeitung, ihm liefen aber bald die Leser weg:

    Dort scheint er anfangs mit Simultan-, Blindspielen und Wettkämpfen richtig wohlhabend geworden zu sein und konnte ab 1885 eine eigene Zeitung, das International Chess Magazine, herausgeben. Jetzt brauchte er sich mit keinem Verleger mehr zu streiten... aber brauchte sich auch keinen Zwang mehr anzutun. Prompt erreichten seine Schmähungen ein beeindruckendes Ausmaß. Unter den Verbalinjurien, die Schonberg in einer einzigen Ausgabe des Steinitz-Magazins gesammelt hat, befinden sich „seltsamer literarischer Köter“, „schwachsinniger Trottel“, „elender Lackaffe“ und „heimtückischer Schuft“
    Ebd. S. 65

    Als er gar auch noch das amerikanische Schachidol Paul Morphy „bösartig kritisierte“, war seine Reputation bei den Lesern endgültig dahin. Jetzt kann man sich sicherlich fragen, warum Steinitz nicht auf solche Ausfälle verzichtet hat, da er ja, im Sinne eines erträglichen Einkommens, auf seine Leser angewiesen war. Doch paßt all dies zu Steinitz, dem seine Prinzipien wichtiger waren als persönliche Vorteile. In einer Anekdote von Pfleger/Treppner, noch aus seiner Zeit in Österreich, etwa heißt es:

    Über Wasser hielt er sich mit Gelegenheitsjournalismus und -Schach, das heißt, er spielte um Geld. Die erste Adresse war damals in Wien das Cafe Rebhuhn und dort „bringt er die ganze Ordnung des Kaffeehauses durcheinander“ (Hannack). Nicht nur in schachlicher Hinsicht. Einer seiner „Kunden“ war der Bankier Epstein. Zu dieser Schachbekanntschaft weiß eine berühmte Anekdote, daß sich Steinitz einmal für einen Zug lange Zeit ließ, der Bankier ihn mit einem ungeduldigen Wort drängte, das sich wie „Na?“ oder „Nüh?“ angehört haben muß. Steinitz zog daraufhin; als jedoch kurz danach Epstein selbst länger überlegte, machte Steinitz auch „Nüh?“. Der andere fuhr ihn an: „Wissen Sie überhaupt, wer ich bin?“ Steinitz, ungerührt: „Natürlich – Sie sind der Bankier Epstein auf der Börse, aber hier bin ich Epstein“
    Treppner/Pfleger, S. 56f.

    Anläßlich seines Todes würdigte ihn sein Nachfolger Emanuel Lasker, schloß diese aber mit den Worten: „er war ein Dickschädel“.

    In seinem Werk Meine großen Vorkämpfer, Band 1, bemühte sich Garri Kasparov darum, dem „unbeliebtesten Schachmeister aller Zeiten“ (Schonberg) eine Rehabilitation widerfahren zu lassen. So würdigt Kasparov vor allem die Tatsache, daß Steinitz, dem es auch darum ging, seine Theorie vom modernen Schach zu verteidigen und die Wahrheit herauszufinden*, sich im Unterschied zu seinen Nachfolgern als Weltmeister stets darum bemüht hatte, gegen die stärksten Gegner anzutreten, und keinen Vergleich scheute. (Vergleiche, Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 1, Edition Olms 2006, S. 73). Und auch, wie respektvoll Tschigorin und Steinitz trotz unterschiedlicher Grundsätze zum Schach miteinander umgingen, zeigen einen anderen Steinitz. So berichtet Kasparov davon, daß Steinitz bei seiner WM-Revanche gegen Lasker trotz vier Niederlagen in Folge noch die Kraft dafür aufbrachte, Tschigorin ein Glückwunschschreiben zu seinem Sieg beim Turnier in Budapest zu schreiben:

    Mein teurer Freund und hochverehrter Kollege! Ich möchte Ihnen herzlich zu Ihrem ruhmreichen Sieg in Budapest gratulieren. Die Schachwelt ist hocherfreut darüber, daß ein Vertreter Rußlands gewonnen hat, denn schließlich hat dieses Land in den vergangenen Jahren den größten Beitrag zur Weiterentwicklung der Schachkunst geleistet. Das ist vor allem Ihrer Genialität und Autorität zu verdanken.

    Lassen Sie mich Ihnen versichern, daß ich von allen großen Schachmeistern Ihnen den größten Erfolg wünsche.

    In freundschaftlicher Verbundenheit, Ihr W. Steinitz
    Kasparov, S. 122

    Nicht jeder hatte das Glück, von Wilhelm Steinitz respektiert zu werden.

    Steinitz´ letzten Jahre dürften soweit bekannt sein, daß er dem Wahn verfiel, mittels Gedankenübertragungen die Spielsteine bewegen zu können, daß er Gott zum Spiele (unter Vorgabe natürlich!) aufforderte und daß er verwirrt in einer psychiatrischen Klinik starb. Treppner und Pfleger, derem Werk freilich ein „zu häufige[r] Griff in die Kiste laienpsychologischer Erklärungsmuster“ vorgeworfen wurde, mutmaßen:

    Alle Steinitzschen Wahnideen wie das drahtlose Telefon oder seine berühmte Herausforderung an Gott [...] haben mit Fähigkeiten zu tun, die gewöhnlichen Sterblichen fehlen. Fine deutet sie darum durchaus schlüssig als Wunschkompensation, ausgelöst durch den Verlust gegen Lasker. Nur Allmachtsphantasien in einer Wahnwelt konnten Steinitz vergessen lassen, daß er im wirklichen Leben nicht mehr Weltchampion war
    Treppner/Pfleger, S. 75

    Dieser Wilhelm Steinitz schien ein schwieriger Zeitgenosse gewesen zu sein, seine Bedeutung für das Schachspiel dagegen ist für die Entwicklung des Königlichen Spiels nicht hoch genug einzuschätzen.

    Weitere Anekdoten:

    Wilhelm Steinitz war ein absoluter Verehrer des Komponisten Richard Wagner.

    Eines Tages spielte Steinitz im Wiener Schachclub einige Partien mit einem Unbekannten.

    Als sich dieser zu später Stunde mit der Bemerkung, er reise am nächsten Morgen nach Bayreuth, um dort als Cellist im Festspielorchester mitzuwirken, verabschiedete, rief Steinitz: "Dann sehen Sie ja Richard Wagner. Richten Sie den Meister bitte aus, daß ich, der Weltschachchampion, ihn höher schätze als Mozart und Beethoven - ja, daß ich seine Musik als den Gipfel der Kunst ansehe!"

    Wie es der Zufall wollte, trafen sich die beiden Herren einige Wochen später erneut im Schachclub.

    "Haben Sie Wagner meine Worte übermittelt?" erkundigte sich Steinitz umgehend.

    Der Cellist gab nickend zurück: "Ja, und Wagner meinte zu mir: "Ihr Steinitz versteht von Musik wahrscheinlich soviel wie vom Schach!"


    Um seine finanzielle Lage zu verbessern, spielte der Weltmeister Steinitz regelmäßig in einem Londoner Caféhaus Schach-Schnellpartien um Geld.

    Die Beträge waren nicht so klein wie früher in Wien, meist handelte es sich um ein englisches Pfund.

    Einer seiner besten Dauerkunden war ein englischer Geschäftsmann, der jedoch sehr schwach spielte, daher immer verlor.

    Nachdem sich dieser Spielverlauf wochenlang wiederholt hatte, überlegte ein Freund Steinitzs, ob es nicht ratsamer sei, seinen wohlhabenden Partner auch einmal gewinnen zu lassen, bevor jener das Interesse am Schachspielen mit dem Weltmeister verliere und Steinitz somit seinen besten Kunden.

    Diese Überlegung erschien auch Steinitz sinnvoll und er beschloß daraufhin, die nächste Partie zu verlieren.

    So stellte er im anschließendem Spiel seine Dame ungedeckt seinem Gegner entgegen.

    Als jener dies schließlich nach sechs weiteren Zügen bemerkte und die Dame schlug, gab Steinitz sofort auf.

    Er schob die Schachfiguren zusammen und begann, sie für die nächste Partie aufzustellen.

    Davon wollte sein Gegner allerdings nichts mehr wissen.

    Er schrie: "Ich habe den Weltmeister besiegt! Ich habe den Weltmeister besiegt!", stürmte aus dem Caféhaus und wurde dort nie mehr gesehen.


    Während einer Zugfahrt nach London kam der Weltmeister Steinitz mit einem - wohlhabend aussehenden - Geschäftsmann ins Gespräch.

    Im Laufe der Unterhaltung wurde Steinitz gefragt, welchen Beruf er denn ausübe.

    "Ich bin Schachspieler, mein Herr!", lautete seine Antwort.

    "Gut, aber ich wollte gern wissen, was Ihr Beruf ist", entgegnete der Geschäftsmann.

    Daraufhin Steinitz: "Ich spaße nicht - Schachspieler ist wirklich mein Beruf."

    Der Gentleman, der von seiner achtjährigen Tochter begleitet wurde, schaute äußerst ungläubig.

    Doch plötzlich mischte sich die Tochter, in das Gespräch ein: "Spielen Sie immer noch Schach?"

    Steinitz lächelte und meinte: "Freilich - und warum auch nicht?"

    "Ich habe mit den Figuren gespielt", entgegnete daraufhin die Achtjährige, "als ich noch ganz klein war - aber jetzt spiele ich schon lange nicht mehr damit."


    Während eines Wettkampfes wurde Steinitz einmal gefragt, wie er denn seine Chance sehe, dieses Turnier zu gewinnen.

    Er soll geantwortet haben: "Ich habe die besten Aussichten, den ersten Preis zu gewinnen - den jeder muß gegen Steinitz spielen, nur ich nicht!"

    *vergleiche seine eigene Aussage: „Um zu den tiefen Geheimnissen des Schachs vordringen zu können, muß man sich ihm voll und ganz hingeben. Die Schachturniere erfordern harte Arbeit, ernsthaftes Nachdenken und intensive Forschung. Zum Ziel führt nur ehrliche und objektive Kritik. Leider sehen viele Spieler im Kritiker einen Feind, sie sollten in ihm jedoch vielmehr denjenigen sehen, der auf der Suche nach der Wahrheit ist...“ Kasparov, S. 125
    Geändert von Kiffing (11.08.2014 um 00:35 Uhr) Grund: verschollenes Bild ersetzt
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

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