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Thema: Was sind Sie eigentlich für ein Mensch, Herr Steinitz?

  1. #1
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    Was sind Sie eigentlich für ein Mensch, Herr Steinitz?



    Über Wilhelm Steinitz als Schachspieler ist schon viel gesagt worden. So wurde die Wandlung des einstigen Himmelsstürmers zum rationalen Positionsspieler beschrieben, ebenso wie seine jahrzehntelange Hegemonie über die Schachwelt, und natürlich seine alles überragende Theorie, welche die Phase der Moderne im Schach, ja geradezu seine Verwissenschaftlichung eingeleitet hat. Natürlich gab es auch vor Steinitz schon Spieler, die positionell spielten, etwa Louis Paulsen, Howard Staunton, Philidor oder Pierre Saint-Amant. Ihnen allen fehlte aber trotz ersten Ansätzen durch Philidor der nachhaltige theoretische Überbau.

    In diesem Thread soll es nun um den Menschen Wilhelm Steinitz gehen, es soll sich den vielfach kolportierten Legenden über ihn genähert werden und unter anderem die Fragestellung eingeleitet werden, ob dieser Wilhelm Steinitz tatsächlich so schlimm war wie behauptet.

    Die gedrungenste Form stellt wohl dieser Ausschnitt dar, in dem es heißt:

    Steinitz galt als der unbeliebteste Schachspieler seiner Zeit. Der kaum 1,50 Meter große Steinitz war gehbehindert, kurzsichtig, litt an Arthritis und einem Lungenleiden, war leicht reizbar und wurde von seinen Zeitgenossen als "größenwahnsinnig" bezeichnet. Er hatte die Angewohnheit unterlegene Gegner durch Anspucken zu demoralisieren. Mit James Henry Blackburne, auch "black death" genannt, geriet er einmal an den Falschen. Blackburne schleuderte Steinitz Kopf voran durch ein geschlossenes Fenster. Wenn Steinitz in Wut geriet so verhielt er sich geradezu "viehisch", "Das reinste Stachelschwein, wo immer man ihn anfaßt, sticht man sich.", kommentierte ihn ein Zeitgenosse.
    Der „Zeitgenosse“ war übrigens der aufgeklärte Historiker Henry Thomas Buckle, gleichzeitig einer der stärksten Spieler Englands, der vor allem mit einprägsamen Zitaten und Aphorismen den Optimismus der damaligen Zeit widerspiegelte. Damals war es noch üblich, daß selbst die besten Spieler der Welt einem Beruf nachgingen, weil die Verdienstmöglichkeiten selbst für Spitzenspieler kaum zum Lebensunterhalt ausreichten.

    Die Aussage, Steinitz habe seine unterlegenen Gegner angespuckt, ist natürlich ein unfaßbar schwerer Vorwurf. Ich selbst habe Schwierigkeiten damit, mir vorzustellen, daß angesichts des Ehrbegriffs der damaligen Zeit sich jemand, auch wenn der Täter der Weltmeister war, so etwas gefallen lassen hätte (wie hätte wohl Meister Tarrasch reagiert?). Treppner/Pfleger etwa erwähnen diesen Vorwurf überhaupt nicht, und zur Blackburne-Geschichte heißt es da wesentlich konzilianter:

    Den Gipfel bildete ein Eklat mit Blackburne; diese Szene wird gerne und in schillernden Farben beschrieben, ist aber von reichem Legendenwerk umrankt. Angeblich spuckte Steinitz den anderen an und fand sich dann in der Auslage des Etablissements wieder. Wer anfing und warum, ist nicht sicher überliefert
    Pfleger/Treppner, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, C.H. Becksche Verlagsbuchhandlung, 1994, S. 63

    Trotzdem schien sich Steinitz überall in seinen Stationen England und USA Feinde gemacht zu haben. So warf sein „Intimfeind“ (ebd.) Zukertort dem streitbaren Steinitz vor, während seiner England-Station aus einem Club nur ausgetreten zu sein, um seinen Ausschluß zu entgehen, in einem anderen nur knapp dem Rauswurf entgangen zu sein, zeitweises Hausverbot im Londoner Schachtreff „Simpsons Divan“ gehabt zu haben sowie Abbruch der Beziehungen zu vielen anderen Meistern (vgl. ebd.). Und auch in den USA schien es nicht viel besser zu sein. Wie schon in England, betrieb er dort eine eigene Schachzeitung, ihm liefen aber bald die Leser weg:

    Dort scheint er anfangs mit Simultan-, Blindspielen und Wettkämpfen richtig wohlhabend geworden zu sein und konnte ab 1885 eine eigene Zeitung, das International Chess Magazine, herausgeben. Jetzt brauchte er sich mit keinem Verleger mehr zu streiten... aber brauchte sich auch keinen Zwang mehr anzutun. Prompt erreichten seine Schmähungen ein beeindruckendes Ausmaß. Unter den Verbalinjurien, die Schonberg in einer einzigen Ausgabe des Steinitz-Magazins gesammelt hat, befinden sich „seltsamer literarischer Köter“, „schwachsinniger Trottel“, „elender Lackaffe“ und „heimtückischer Schuft“
    Ebd. S. 65

    Als er gar auch noch das amerikanische Schachidol Paul Morphy „bösartig kritisierte“, war seine Reputation bei den Lesern endgültig dahin. Jetzt kann man sich sicherlich fragen, warum Steinitz nicht auf solche Ausfälle verzichtet hat, da er ja, im Sinne eines erträglichen Einkommens, auf seine Leser angewiesen war. Doch paßt all dies zu Steinitz, dem seine Prinzipien wichtiger waren als persönliche Vorteile. In einer Anekdote von Pfleger/Treppner, noch aus seiner Zeit in Österreich, etwa heißt es:

    Über Wasser hielt er sich mit Gelegenheitsjournalismus und -Schach, das heißt, er spielte um Geld. Die erste Adresse war damals in Wien das Cafe Rebhuhn und dort „bringt er die ganze Ordnung des Kaffeehauses durcheinander“ (Hannack). Nicht nur in schachlicher Hinsicht. Einer seiner „Kunden“ war der Bankier Epstein. Zu dieser Schachbekanntschaft weiß eine berühmte Anekdote, daß sich Steinitz einmal für einen Zug lange Zeit ließ, der Bankier ihn mit einem ungeduldigen Wort drängte, das sich wie „Na?“ oder „Nüh?“ angehört haben muß. Steinitz zog daraufhin; als jedoch kurz danach Epstein selbst länger überlegte, machte Steinitz auch „Nüh?“. Der andere fuhr ihn an: „Wissen Sie überhaupt, wer ich bin?“ Steinitz, ungerührt: „Natürlich – Sie sind der Bankier Epstein auf der Börse, aber hier bin ich Epstein“
    Treppner/Pfleger, S. 56f.

    Anläßlich seines Todes würdigte ihn sein Nachfolger Emanuel Lasker, schloß diese aber mit den Worten: „er war ein Dickschädel“.

    In seinem Werk Meine großen Vorkämpfer, Band 1, bemühte sich Garri Kasparov darum, dem „unbeliebtesten Schachmeister aller Zeiten“ (Schonberg) eine Rehabilitation widerfahren zu lassen. So würdigt Kasparov vor allem die Tatsache, daß Steinitz, dem es auch darum ging, seine Theorie vom modernen Schach zu verteidigen und die Wahrheit herauszufinden*, sich im Unterschied zu seinen Nachfolgern als Weltmeister stets darum bemüht hatte, gegen die stärksten Gegner anzutreten, und keinen Vergleich scheute. (Vergleiche, Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 1, Edition Olms 2006, S. 73). Und auch, wie respektvoll Tschigorin und Steinitz trotz unterschiedlicher Grundsätze zum Schach miteinander umgingen, zeigen einen anderen Steinitz. So berichtet Kasparov davon, daß Steinitz bei seiner WM-Revanche gegen Lasker trotz vier Niederlagen in Folge noch die Kraft dafür aufbrachte, Tschigorin ein Glückwunschschreiben zu seinem Sieg beim Turnier in Budapest zu schreiben:

    Mein teurer Freund und hochverehrter Kollege! Ich möchte Ihnen herzlich zu Ihrem ruhmreichen Sieg in Budapest gratulieren. Die Schachwelt ist hocherfreut darüber, daß ein Vertreter Rußlands gewonnen hat, denn schließlich hat dieses Land in den vergangenen Jahren den größten Beitrag zur Weiterentwicklung der Schachkunst geleistet. Das ist vor allem Ihrer Genialität und Autorität zu verdanken.

    Lassen Sie mich Ihnen versichern, daß ich von allen großen Schachmeistern Ihnen den größten Erfolg wünsche.

    In freundschaftlicher Verbundenheit, Ihr W. Steinitz
    Kasparov, S. 122

    Nicht jeder hatte das Glück, von Wilhelm Steinitz respektiert zu werden.

    Steinitz´ letzten Jahre dürften soweit bekannt sein, daß er dem Wahn verfiel, mittels Gedankenübertragungen die Spielsteine bewegen zu können, daß er Gott zum Spiele (unter Vorgabe natürlich!) aufforderte und daß er verwirrt in einer psychiatrischen Klinik starb. Treppner und Pfleger, derem Werk freilich ein „zu häufige[r] Griff in die Kiste laienpsychologischer Erklärungsmuster“ vorgeworfen wurde, mutmaßen:

    Alle Steinitzschen Wahnideen wie das drahtlose Telefon oder seine berühmte Herausforderung an Gott [...] haben mit Fähigkeiten zu tun, die gewöhnlichen Sterblichen fehlen. Fine deutet sie darum durchaus schlüssig als Wunschkompensation, ausgelöst durch den Verlust gegen Lasker. Nur Allmachtsphantasien in einer Wahnwelt konnten Steinitz vergessen lassen, daß er im wirklichen Leben nicht mehr Weltchampion war
    Treppner/Pfleger, S. 75

    Dieser Wilhelm Steinitz schien ein schwieriger Zeitgenosse gewesen zu sein, seine Bedeutung für das Schachspiel dagegen ist für die Entwicklung des Königlichen Spiels nicht hoch genug einzuschätzen.

    Weitere Anekdoten:

    Wilhelm Steinitz war ein absoluter Verehrer des Komponisten Richard Wagner.

    Eines Tages spielte Steinitz im Wiener Schachclub einige Partien mit einem Unbekannten.

    Als sich dieser zu später Stunde mit der Bemerkung, er reise am nächsten Morgen nach Bayreuth, um dort als Cellist im Festspielorchester mitzuwirken, verabschiedete, rief Steinitz: "Dann sehen Sie ja Richard Wagner. Richten Sie den Meister bitte aus, daß ich, der Weltschachchampion, ihn höher schätze als Mozart und Beethoven - ja, daß ich seine Musik als den Gipfel der Kunst ansehe!"

    Wie es der Zufall wollte, trafen sich die beiden Herren einige Wochen später erneut im Schachclub.

    "Haben Sie Wagner meine Worte übermittelt?" erkundigte sich Steinitz umgehend.

    Der Cellist gab nickend zurück: "Ja, und Wagner meinte zu mir: "Ihr Steinitz versteht von Musik wahrscheinlich soviel wie vom Schach!"


    Um seine finanzielle Lage zu verbessern, spielte der Weltmeister Steinitz regelmäßig in einem Londoner Caféhaus Schach-Schnellpartien um Geld.

    Die Beträge waren nicht so klein wie früher in Wien, meist handelte es sich um ein englisches Pfund.

    Einer seiner besten Dauerkunden war ein englischer Geschäftsmann, der jedoch sehr schwach spielte, daher immer verlor.

    Nachdem sich dieser Spielverlauf wochenlang wiederholt hatte, überlegte ein Freund Steinitzs, ob es nicht ratsamer sei, seinen wohlhabenden Partner auch einmal gewinnen zu lassen, bevor jener das Interesse am Schachspielen mit dem Weltmeister verliere und Steinitz somit seinen besten Kunden.

    Diese Überlegung erschien auch Steinitz sinnvoll und er beschloß daraufhin, die nächste Partie zu verlieren.

    So stellte er im anschließendem Spiel seine Dame ungedeckt seinem Gegner entgegen.

    Als jener dies schließlich nach sechs weiteren Zügen bemerkte und die Dame schlug, gab Steinitz sofort auf.

    Er schob die Schachfiguren zusammen und begann, sie für die nächste Partie aufzustellen.

    Davon wollte sein Gegner allerdings nichts mehr wissen.

    Er schrie: "Ich habe den Weltmeister besiegt! Ich habe den Weltmeister besiegt!", stürmte aus dem Caféhaus und wurde dort nie mehr gesehen.


    Während einer Zugfahrt nach London kam der Weltmeister Steinitz mit einem - wohlhabend aussehenden - Geschäftsmann ins Gespräch.

    Im Laufe der Unterhaltung wurde Steinitz gefragt, welchen Beruf er denn ausübe.

    "Ich bin Schachspieler, mein Herr!", lautete seine Antwort.

    "Gut, aber ich wollte gern wissen, was Ihr Beruf ist", entgegnete der Geschäftsmann.

    Daraufhin Steinitz: "Ich spaße nicht - Schachspieler ist wirklich mein Beruf."

    Der Gentleman, der von seiner achtjährigen Tochter begleitet wurde, schaute äußerst ungläubig.

    Doch plötzlich mischte sich die Tochter, in das Gespräch ein: "Spielen Sie immer noch Schach?"

    Steinitz lächelte und meinte: "Freilich - und warum auch nicht?"

    "Ich habe mit den Figuren gespielt", entgegnete daraufhin die Achtjährige, "als ich noch ganz klein war - aber jetzt spiele ich schon lange nicht mehr damit."


    Während eines Wettkampfes wurde Steinitz einmal gefragt, wie er denn seine Chance sehe, dieses Turnier zu gewinnen.

    Er soll geantwortet haben: "Ich habe die besten Aussichten, den ersten Preis zu gewinnen - den jeder muß gegen Steinitz spielen, nur ich nicht!"

    *vergleiche seine eigene Aussage: „Um zu den tiefen Geheimnissen des Schachs vordringen zu können, muß man sich ihm voll und ganz hingeben. Die Schachturniere erfordern harte Arbeit, ernsthaftes Nachdenken und intensive Forschung. Zum Ziel führt nur ehrliche und objektive Kritik. Leider sehen viele Spieler im Kritiker einen Feind, sie sollten in ihm jedoch vielmehr denjenigen sehen, der auf der Suche nach der Wahrheit ist...“ Kasparov, S. 125
    Geändert von Kiffing (11.08.2014 um 00:35 Uhr) Grund: verschollenes Bild ersetzt
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

  2. #2
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    AW: Was sind Sie eigentlich für ein Mensch, Herr Steinitz?

    Ein weiterer Beitrag, den ich mit groβer Aufmerksamkeit gelesen habe und der auch versucht, differenziert vorzugehen. Es gibt wohl kaum einen anderen Spieler in der Schachgeschichte, der so schlecht geredet worden ist, was dann von Generation zu Generation weitergegeben worden ist.

    Zur Zeit lese ich die Steinitz-Biographie William Steinitz, Chess Champion (McFarland 1993, 2006) von seinem mittlerweile verstorbenen Urgroβneffen Kurt Landsberger. Das Buch handelt hauptsächlich von dem Menschen Steinitz; der Autor war kein Schachspieler und GM Andy Soltis hat die Partien in dem Werk ausgewählt und kommentiert.
    Landsberger hat über viele Jahre hinweg eine erstaunliche Recherchearbeit geleistet und zahllose zeitgenössische Dokumente, wie z.B. Briefe, zusammengetragen. Dazu hat er sehr viel Zeit in Büchereien und Archiven verbracht und mit Schachhistorikern in ganz Europa korrespondiert; ferner hat er auch Steinitz' Wege in Europa verfolgt und Prag (Steinitz' Geburtsstadt), Wien, London und Wörishofen bereist.

    Landsberger geht ausführlich auf Steinitz' Ruf ein, zu dem dieser auch selber beigetragen hat: Er war äuβerst sensibel, reizbar, streitbar, prinzipienfest, stur/dickköpfig und ihm wurde aufgrund seines Sarkasmus' die “schärfste Zunge Europas” nachgesagt. Ferner verlor er schnell die Geduld, wenn er sich mit Dummheit konfrontiert glaubte.

    Andererseits war Steinitz ständigen Anfeindungen ausgesetzt. 1862 zog er von Wien nach London (bis 1882), da die britische Hauptstadt das damalige Schachzentrum war, und war von Anfang an mit folgenden Problemen konfrontiert:
    • Eine weit verbreitete Ausländerfeindlichkeit, auch im Schach; auβerdem war Steinitz Jude und wurde mit latentem, manchmal auch offenem Antisemitismus konfrontiert. Schon 1858 hatte Howard Staunton in einem Brief diese Bedenken geäuβert: “...the colony of foreign players [in England] occasionally aroused native irritation...the preposterous custom of engaging an ignorant foreigner to edit chess in an English newspaper makes us ridiculous wherever the game is known...(I)ndeed the practice if not checked would shortly have given to some half-dozen refugees a complete monopoly of English periodical Chess. You have no conception of the exertion these fellows have been making to get the Chess in their hands.” (S. 93) Diese Bedenken wurden bereits geäuβert, bevor Steinitz, Zukertort und Hoffer sich in England als Schachjournalisten etabliert hatten.
    • Die verachtete “Söldnermentalität” der professionellen Schachspieler. Steinitz war Profi, der nur vom Schach lebte; Staunton hatte seinen Shakespeare, Anderssen unterrichtete, Kolisch wurde ein sehr erfolgreicher Banker. Steinitz verdiente seinen Lebensunterhalt mit Preis-/Eintrittsgeldern bei Turnieren/Wettkämpfen, Simultanvorstellungen, seiner schachjournalistischen Tätigkeit (Figaro und vor allem The Field) und zahllosen Partien um Einsatz, die er vor allem in Simpson's Divan bestritt. Nach dem Wettkampf Steinitz-Blackburne 1876 kritisierte Chess Player's Chronicle heftig das verlangte Eintrittsgeld und schrieb, dass “the thoroughly mercenary spirit in which the latest exhibition of professionalism was conducted throughout, has heartily disgusted all true chess players.” (S. 28)


    Ab 1872/73, als Steinitz anfing, seine revolutionäre Positionslehre in die Tat umzusetzen, wurde ihm auβerdem vorgeworfen, dass er das “Schöne”, “Brillante” im Schach zerstört hätte; sein Stil sei “gesund”, “sicher”, “langweilig” und “vorsichtig”. Dabei hatte er das Schach nur weiterentwickelt, indem er nachwies, dass viele “romantische” Siege nur aufgrund der sehr schwach entwickelten Verteidigungstechnik möglich gewesen waren. Seine Lehren wurden immer wieder angegriffen, und das, obwohl er am Schachbrett und mit seinen hervorragenden Analysen immer wieder bewies, dass sie – zumindest zum groβen Teil – zutrafen.

    Noch 1987 hat GM Robert Byrne in der New York Times die alten Vorurteile wiederholt, die von Generation zu Generation weitergegeben worden waren: “The early 19th century was the epoch of untrammeled attacking play, the time for slugging it out with an opponent who was just as intent on slugging it out with you. But Wilhelm Steinitz spoiled all that – or almost all that. The man who dominated the chess world from 1866 to 1894 brought a sophisticated grasp to defensive play that had never been seen before.” (S. 60)
    Dies ist viel zu einseitig: Steinitz war ein brillanter Spieler, der sich nicht nur in seiner Schachjugend den Spitznamen “österreichischer Morphy” erworben hatte, der nicht nur mit seiner Positonslehre das Schach enorm vorangebracht hat; er hat noch im hohen Schachalter (*1836) solche Partien gespielt:


    Bezüglich des Eklats mit Blackburne kursieren mehrere Versionen:
    Einerseits soll dies während des Pariser Turniers 1867 vorgefallen sein. Steinitz soll während eines Streits Blackburne angespuckt haben, der ihn dann mit einem Schlag durch ein Fenster befördert hätte. G.H. Diggle erwähnt in seinem Buch Chess Characters Vol I, dass Blackburne gar nicht an dem Turnier teilnahm (die Teilnehmerliste war überprüft worden, s. Wikipedia https://en.wikipedia.org/wiki/Paris_...ess_tournament).

    Steinitz' Version:“ on one occasion at Purssell's [in London] about 1867 he struck me with his full fist into my eye which he blackened, and might have knocked me out. And though he is a powerful man of very nearly twice my size who might have killed me with a few such strokes, I am proud to say that I had the courage of attempting to spit into his face, and only wish I had succeeded.” ( Landsberger S. 47, die Hervorhebung ist von mir)
    Steinitz erzählte, dass er, nachdem der fast doppelt so groβe Blackburne ihm ein blaues Auge geschlagen hatte, versucht hätte, diesem ins Gesicht zu spucken.

    Das “reine Stachelschwein” (perfect porcupine):
    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    Der „Zeitgenosse“ war übrigens der aufgeklärte Historiker Henry Thomas Buckle, gleichzeitig einer der stärksten Spieler Englands,[...]
    Ich glaube nicht, dass dies zutrifft, denn der bekannte Historiker Henry Thomas Buckle, der auch ein sehr guter Schachspieler war, verstarb bereits am 29.05.1862 in Damaskus (Typhus) auf einer langen Orientreise; er wird Steinitz kaum näher kennengelernt haben.

    Landsberger zitiert einen gewissen Robert J. Buckley, der behauptete, Steinitz 20 Jahre lang sehr gut kennengelernt zu haben: “...He quarreled with nearly everybody; was a perfect porcupine; wherever you touched him was a sharp point. And yet he had a heart. He was grateful, even affectionate. He was temperate, honest, and honourable. He could not suffer fools gladly, and could not curb his tongue. “Ill-treatment,” he said, “spoiled my temper” (S. 46)

    Auf derselben Seite betont Landsberger, dass in mehreren biographischen Beschreibungen Steinitz' das “reine Stachelschwein” übernommen wurde, aber seine positiven Seiten unter den Teppich gekehrt wurden. Seine Ritterlichkeit im Umgang mit potentiellen Herausforderern hat Kiffing bereits in seinem Thema erwähnt.

    Der Autor vertritt in seinem Buch die Meinung, dass die ständigen Anfeindungen - in Kombination mit nie endenden finanziellen Sorgen und zunehmenden gesundheitlichen Problemen – zu einer wachsenden Verbitterung Steinitz' geführt hätten; ferner, dass Steinitz' verbale Attacken sich gegen – in seinen Augen inkompetente – Schachjournalisten/-autoren richteten, aber nicht gegen andere Spieler.

    Steinitz' eigentlicher “Erzfeind” war nicht Zukertort, sondern der bekannte Schachjournalist Leopold Hoffer, der zuerst Steinitz' Nachfolger bei The Field wurde und dann von 1879 bis 1896 der Gründer/Herausgeber (zusammen mit Zukertort, bis zu dessen Tod 1888) von Chess Monthly war; dies führte auch zu schriftlichen Auseinandersetzungen mit Zukertort. Steinitz lieβ sich ab 1882 in den USA nieder (er wurde 1888 amerikanischer Staatsbürger, womit aus “Wilhelm” “William” wurde) und gründete dann seine eigene Schachzeitschrift, The International Chess Magazine.

    Ab Anfang der 1880er eskalierte der “Tintenkrieg” (Ink War) zwischen Hoffer/Zukertort auf der einen Seite, und Steinitz auf der anderen, wobei es dann richtig zur Sache ging.

    Wie Kiffing in seinem Thema erwähnt, war Steinitz alles andere als zimperlich in seiner Wortwahl (er nannte Hoffer gerne “Dreckseele”), doch auch die Gegenseite waren keine Chorknaben.

    Wie weit Hoffer in seinen Attacken ging, zeigt ein “Schmähgedicht”, das er im Mai 1889 – ein Jahr nach Zukertorts Tod – in Chess Monthly veröffentlichte und das Landsberger auf S. 221 wiedergibt:

    Nits Will Be Lice

    Oliver Cromwell used to say
    That nits they will be louses;
    So nip them in the bud whene'er
    You find them in your houses.

    Now nits we see of each degree;
    Low nits there be and high nits;
    Both palace nits and cottage nits;
    and stable nits and sty-nits.

    For common nits the advice is sound,
    For sea or earth or sky-nits;
    But who with barge-pole, boots or tongs
    Would touch Bohemian sty-nits?


    Für User, die der englischen Sprache nicht mächtig sind, einige Erklärungen:
    Nits sind auf Deutsch “Nissen”, sty “Schweinestall”. Das “Wortspiel” sty-nits wird auf Englisch wie “Steinitz” ausgesprochen, der aus Böhmen stammte (Bohemian).

    Schon im Juni 1889 antwortete Steinitz mit einem ironischen “Gegengedicht”: My Answer to the Song of “Nits”. (Landsberger, S. 221-222)

    Im September 1889 veröffentlichte Hoffer ein so hetzerisches Song of a Nit, das aus 30 “Strophen” besteht, dass er aufgrund öffentlichen Drucks Korrekturen vornehmen musste. (Landsberger, S. 223-225); allein die 2. “Strophe” genügt, um das unsägliche Niveau zu verdeutlichen:

    2. In the days of the plague
    That swept through Prague
    Some fifty years gone by
    A Nit was hatched
    That can't be matched
    In Bohemia's foulest sty.


    Solche Hetzereien erwecken in mir die hässlichsten Assoziationen: Haben die Nationalsozialisten nicht versucht, den Holokaust mit der “moralischen Begründung” zu “rechtfertigen”, dass Juden “Ungeziefer” und “Parasiten” seien?

    Wilhelm Steinitz gehört zu den gröβten Schachspielern aller Zeiten und ich halte ihn für den wichtigsten und einflussreichsten Denker der Schachgeschichte.
    Als Mensch war er sicherlich nicht einfach und konnte verbal sehr bissig werden, doch was für Angriffen ist dieser Mann sein Leben lang ausgesetzt worden.

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