Als kurz vor 1500 die Schachregeln reformiert wurden, weil der träge Charakter des alten Spiels nicht mehr so recht in die stürmische Neuzeit zu passen schien, waren die Spanier um Ruy Lopez die Ersten, die auf dem neuen Spiel ernsthafte Spuren hinterlassen konnten. Doch recht bald schon wurde Ruy Lopez von den Italienern geschlagen, so verlor er 1575 am Hofe Philipps II. von Madrid gegen die Italiener Leonardo da Cutri und Paolo Boi. Der Stab des Führenden im Weltschach wurde so von Spanien nach Italien gereicht. Nicht zufällig wurden die Italiener so dominant, denn die Blütezeit des Italienischen Schachs fiel in die Phase der Blütezeit ihrer Kultur in der Renaissance, mit der Neuerweckung der Künste und Wissenschaften.

Wir müssen uns dabei vergegenwärtigen, daß nach den Reformen der Zugmöglichkeiten des Schachs ein komplett neues Spiel entstanden war, so daß die Theorie noch in den Kinderschuhen steckte, übrigens ebenso wie die Wissenschaft, die am ehesten dazu in der Lage gewesen wäre, mit ihren Methoden das Spiel so gut als möglich zu enträtseln.

Und so war der Spielstil der Italiener sehr gut mit denen von Anfängern vergleichbar, auch mit Kindern, die gerade erst das Schachspiel erlernen. Garri Kasparov schreibt dazu:

Die Entwicklungsgeschichte der Schachkunst ist im Grunde genommen vergleichbar mit den einzelnen Entwicklungsphasen, die jeder Schachspieler vom Anfänger bis zum Profi durchläuft. Zunächst spielt jeder unbewußt wie im 16. und 17. Jahrhundert: Man nutzt jede Gelegenheit, um Schach zu geben, bringt sofort die Dame ins Spiel und unternimmt, ohne sich um die weitere Entwicklung der Figuren Gedanken zu machen, kühne Angriffe auf den gegnerischen König. Einmal gelingen die Kombinationen, beim nächsten Mal erleidet man einen Fehlschlag, weil die Verteidigung sich auf einem erbärmlichen Niveau befindet und ein tiefgreifender Plan völlig fehlt
Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Edition Olms 2006, S. 15

Der Schachhistoriker Edmund Bruns kommt zu demselben Schluß. Er schreibt:

Wie in allen Entwicklungen ist das erste Stadium das schwierigste. Das Schachspiel bildet hier keine Ausnahme. Ein Mensch, der mit dem Schachspiel beginnt, zieht die Figuren noch nicht nach planmäßigen Gesichtspunkten, sondern macht Züge, von denen er hofft, daß sie gut sind. Es ist ein Figurenrücken, das hin und wieder von erfreulichen Begebenheiten wie Figurengewinn und Schachgebot durchbrochen wird. Vor allem der Gewinn von Material übt auf Schachanfänger einen großen Reiz aus. An eine nach strategischen Kriterien geführte Partie, die bestimmte Pläne verfolgt, ist noch nicht zu denken. Der Gewinn von Material ist demzufolge nicht logisch-planmäßigen Zügen zu verdanken, sondern von zufälliger Natur. Wie mit diesen zufälligen Gegebenheiten in der Entwicklung des Schachs in der Renaissance umgegangen wurde. bildete den ersten Schritt in der Entwicklung.
Dr. Edmund Bruns, Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, LIT-Verlag 2003, S. 15

Hier ragt vor allem Gioachino Greco heraus, der allen anderen in der noch jungen Schachgeschichte überlegen war und den Stil der Italienischen Schule somit wunderbar in Erfolg umsetzen konnte. Seine Wirkung ist vergleichbar mit der von Paul Morphy über 200 Jahre später. Sein Verdienst für das Schachspiel ähnelt dem von Paul Morphy, das Schachspiel vor allem in offenen Strukturen beflügelt zu haben. Darüberhinaus leistete er Bahnbrechendes in der Analyse der Italienischen Partie. Viele taktischen Wendungen, die geradewegs ins Matt führen können, wenn der Gegner nicht aufpaßt, sind durch ihn bekannt.

Greco war in seiner Schachkunst, die damals noch ein Privileg des Adels war, so gut, daß er sich schon die ersten Verdienste mit seinem Spiel erwerben konnte. Er gewann u. a. 5000 Scudi in Paris, die er allerdings schnell wieder los wurde. Der Bericht von Pfleger und Treppner spiegelt gut die Bedingungen wider, mit denen die damaligen Meister des Schachs leben mußten:

In Grecos kurzem Leben muß es ähnlich turbulent wie in vielen seiner Analysen zugegangen sein. Vermutlich in Kalabrien geboren, ließ er angeblich die Segnungen einer sicheren Pfründe in Rom im Stich und reiste durch Europa, spielte um möglichst hohe Einsätze und gewann auch meistens. In Paris hielt er sich am Herzog von Nemours und anderen schadlos, doch auf dem Weg nach London überfielen ihn Räuber und nahmen ihm mehr als 5000 Scudi ab. Am englischen Hof wurde die Kasse wieder aufgefüllt. Später reiste Greco auch nach Spanien an den Hof Philipps IV. und von dort 1634 nach Westindien, wo er starb. Sein erspieltes Vermögen vermachte er den Jesuiten
Pfleger/Treppner, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, C.H. Becksche Verlagsbuchhandlung, 1994, S. 13

Wenn man nun die Frage aufwerfen möchte, ob Gioachino Greco seiner Zeit weit voraus war, wie es viele wirklichen Genies waren, so würde ich darauf mit einem klaren Jein antworten. Auf der einen Seite hatte er, wie beschrieben, eine ähnliche Dominanz wie Paul Morphy, auf der anderen Seite aber blieb er stilistisch im Rahmen seiner Zeit und entwickelte sich nicht darüberhinaus.

Schlußendlich bleibt mir noch, einen vorsichtigen Widerspruch zu der These, die Italienische Schule repräsentiere das Anfängerstadium eines heutigen Menschen, anzumelden, weil schon damals ein großer Meister sehr positionell gespielt hatte. Ruy Lopez nämlich war es, und der wirkte sogar 70 Jahre vor Gioachino Greco. Dieser Vorbehalt soll freilich diese Theorie nicht erschüttern, sondern nur ergänzen. Erklärungen für dieses Phänomen wären hilfreich. Vielleicht dienen hier kulturelle Erklärungsansätze, daß etwa der damalige italienische Schachstil sehr gut in die Zeit des Entdeckens, Erforschens und Drängens paßte, von der die Menschen vor allem in Italien damals beflügelt waren. Man wollte hoch hinaus, und das zeigte sich auch in der Art, wie die Italiener Schach spielten.